Die Geheime Geschichte der Mongolen
Man gönnt sich ja sonst nichts. Und so habe ich mir aus der Bibliothek die Geheime Geschichte der Mongolen in einer Übersetzung (2. Auflage) von 1946 mitgebracht. Abgesehen davon, dass die mongolischen Namen auch ohne Frakturschrift schon komisch genug sind, war die Lektüre recht langatmig.
Im Wesentlichen wird die Geschichte von Dschingis Khans Aufstieg und der Festigung des Mongolenreiches unter Ögödäi (wie man ihn heute schreibt) erzählt. Hierbei ist auffällig, dass zwischen der erzählten Zeit, ca. 1200-1220, und der Zeit der Entstehung des Textes, ca. 1240-1260, nur eine Generation liegt. Diese Zeit hat jedoch schon gereicht, die Geschichte Dschingis Khans zur Geschichte eines mythischen Helden zu machen. Dschingis Khan oder Temudschin, wie er anfangs heißt, wird vaterlos und allein dargestellt, doch er findet Freunde, mit deren Hilfe er Herrscher über alle mongolischen Stämme wird. Der Unterwerfung der Stämme geht immer eine grundlose Aggression gegenüber Dschingis Khan voraus, so dass seine Kriege als gerechtfertigt da stehen.
Ögödäi schließlich gibt dem Mongolenreich seine bürokratische Festigung. Gleichzeitig werden jedoch die Positionen der einzelnen Familien der Helfer Dschingis Khans ebenso wie die Positionen der Stämme in der Staatshierarchie in der Geheimen Geschichte gerechtfertigt und festgelegt.
Diese Festlegung von Hierarchien entweder durch Familienbeziehungen oder durch Bestimmung durch den Herrscher erinnerte mich an unser Panel auf dem letztjährigen ASEEES-Kongress. Hier wurde darüber diskutiert, dass die Hierarchienbildung der Steppe die Bildung von Hierarchien im Moskauer Reich beeinflusst haben könnte. Auch nach Lektüre der Geheimen Geschichte stehe ich dieser These noch skeptisch gegenüber.
Aber Hierarchienbildung und gleiche Verteilung des Erbes unter Männer ist in vielen Kulturen verbreitet, ohne dass man von einer direkten Beeinflussung sprechen kann. Und auch wenn ich Tendenzen in der Geheimen Geschichte entdeckt habe, die sich im Moskoviter Russland wieder finden, so ist der Beweis eines direkten Einflusses schwierig. Denn die Tendenzen sind so allgemein gehalten, dass sie sich auch unabhängig voneinander entwickelt haben können.
Was Moskau und die Mongolen angeht, so haben wir also noch viel zu lernen. Die Lektüre der Geheimen Geschichte trägt wenig zur Klärung bei, und dies nicht nur, weil sie noch vor der Eroberung der Rus’ durch die Mongolen spielt.
Ach du Schreck!
Der Spiegel Geschichte hat ein Sonderheft über die russischen Zaren herausgebracht (Spiegel Geschichte 1,2012). Autoren sind laut “Hausmitteilung” “alle SPIEGEL-Korrespondenten aus dem letzten Vierteljahrhundert” (S. 3).
Neben anderen gibt es Artikel über einige russische Zaren und Zarinnen, Ivan IV., Peter I., Katharina II., Alexander I., Nikolaj I., Alexander II. und schließlich Nikolaj II. Schließlich wird – wie originell – Putin als Zar und die Macht des Kreml’ als autoritär, bzw. autokratisch (S. 19, bzw. 140) dargestellt. Dies liest sich als eine Folge der Gründung des Moskauer Zartums durch Ivan IV., den “schrecklichen”.
Über Ivan IV., den einzigen Zaren vor Peter I., der in einem Porträt gewürdigt wird, erfahren wir so einiges, und nicht besonders viel Neues oder Originelles. Der Autor des S. 14-21 abgedruckten Textes beruft sich auf zwei Quellen, zum einen Ruslan Skrynnikovs Biografie Ivans, zum anderen einen Moskauer Historiker mit Namen Andrej Firsov, der nicht nur nichts zur mittelalterlichen Geschichte publiziert hat, sondern dessen Einschätzung der Opričnina als “außerordentliche Kommission” (S. 20) zwar originell aber vom Stand der Forschung her nicht haltbar ist.
Das Buch Skrynnikovs ist nicht nur mir bekannt. Es handelt sich um die 1992 in München erschienene deutsche Übersetzung der Ivan-Biografie, die Skrynnikov 1991 in Leningrad veröffentlicht hat. Ruslan Skrynnikov, der inzwischen verstorben ist, ist einer der bedeutendsten russischen und sowjetischen Forscher zur frühen Neuzeit. Doch seine Forschungen sind inzwischen auch 20 Jahre alt, und inzwischen gibt es nicht nur bessere Biografien (z.B. Isabelle de Madariagas oder die Biografie von Andrej Pavlov und Maureen Perrie, zugegebenermaßen auf Englisch). Es sind auch viele Einzelforschungen zu Ivan IV. Groznyj erschienen, die Skrynnikovs Buch veraltet erscheinen lassen.
Anstatt sich um einen ordentlichen Forschungsstand zu bemühen, wird hier also altes Material in für einen nicht mit der Zeit vertrauten Leser mit Sicherheit verwirrend unchronologischer Reihenfolge so dargelegt, dass man meint, der Kampf des Herrschers gegen seine Untergebenen habe sich seit dem 16. Jahrhundert bis heute fortgesetzt: “Luschkow und Borodin [...] pflegten im Kampf gegen Bojaren von heute auch die Tradition Iwan Grosnys und seiner Opritschniki.” (S. 21) Und dies, obwohl die Klassenkampf-These von Herrscher gegen Adel von den Quellen nun wirklich nicht gedeckt wird.
Neues erfahren wir also eher nicht, die bemühten Referenzen sind entweder veraltet oder keine Spezialisten für die Epoche. Und so wundert es dann nicht, dass wir nebenbei (S. 19) wieder einmal erklärt bekommen, dass Ivan nach der “Affäre Kurbskij” – die Zweifel Edward Keenans an der Echtheit des Briefwechsels zwischen Ivan und Kurbskij sind dem Autor natürlich unbekannt – endgültig zu Ivan Groznyj, dem “Gestrengen”, im Westen “dem Schrecklichen” wurde. Und das bringt unser Russlandbild dann wieder zurück in die Zeit des Kalten Krieges. Erschreckend.
Ich bin übersetzt worden
Am Wochenende erreichte mich die E-Mail eines Kollegen aus Belgrad mit der Einladung, einen Beitrag zu einem Sammelband über Kiev zu schreiben. In einem PS teilte mir der Kollege mit, dass auf meiner Publikationsliste die serbische Übersetzung meines Artikels “The Absence of Miracles” fehle, die im Jahr 2000 in einem von diesem Kollegen herausgegebenen Sammelband erschienen ist.
Der Kollege übermittelte mir freundlicherweise nicht nur die genaue bibliographische Angabe: Одсуство чуда. Проблеми канонизације Св. Владимира // Чудо у словенским културама. Уредник Дејан Ајдачић, Београд, 2000. – с. 126-137, sondern auch zwei Internet-Links, wo Verweise auf den Inhalt gegeben werden, erst einmal in Serbisch, dann für diejenigen, die sich das Lesen leichter machen wollen, auch auf Russisch.
Der Artikel “The Absence of Miracles. Problems of the Canonization of St. Vladimir ” wurde von mir 1999 in der italienischen Zeitschrift “Studi sull’Oriente Christiano” veröffentlicht. In ihm geht es darum, dass der Metropolit Ilarion im 11. Jahrhundert, als er die Predigt über Gesetz und Gnade (Slovo o zakone i blagodati) verfasste, nicht nur im Sinn hatte, die Kiever Bevölkerung im christlichen Glauben zu festigen. Es ging ihm auch darum, Voraussetzungen für die Heiligsprechung des “Täufers” der Kiever Rus’, Fürst Vladimir Svjatoslavič, darzulegen. Hierbei stieß er allerdings auf das Problem, dass bisher (ca. 1051) noch keine Wunder am Grab des Fürsten geschehen waren. In einer intelligenten Umkehrung dieser Voraussetzung machte Ilarion nun gerade die Abwesenheit von Wundern zu einem Wunder (divnoe čudo) und damit zu einem Grund, den Fürsten doch noch als heiligen zu verehren.
Der Artikel wurde am Anfang der 2000er Jahre dann von Frank Kämpfer in seine Internet-Sammlung von Aufsätzen zum alten Russland aufgenommen, die inzwischen schon lange nicht mehr im Netz ist. Dass der Artikel jedoch vor immerhin schon zwölf Jahren ins serbische übersetzt und offensichtlich immer noch erhältlich ist, ist mir jedoch komplett untergegangen. Nun bin ich also ins Serbische übersetzt und aktualisiere die Publikationsliste pronto.
Ärger über bibliographische Angaben
Das im letzten Beitrag beschriebene Buch von oder über Heinrich von Staden könnte man aus wissenschaftlicher Sicht einfach verschweigen. Frank Kämpfer tut dies übrigens; es kommt auf seiner Homepage, auf der man wissenschaftliche Arbeiten einsehen kann, nicht vor.
Da das Buch nun schon einmal da ist, könnte man es der Vollständigkeit halber in einer Fußnote im Aufsatz erwähnen, etwa so: “eine populärwissenschaftliche Ausgabe der Autobiographie Stadens findet sich in dem Buch… (und hier dann die bibliographische Angabe einfügen)”. Und damit wäre man fertig.
Die Sache ist jedoch nicht ganz so einfach. Anna Choroškevič bezieht sich nämlich in ihrer Einleitung zur Biographie Stadens auf das “Buch Kämpfers”. Nun ist das Buch von Choroškevič eine Ausgabe des Verlags der russischen Akademie der Wissenschaften, und als solches als wissenschaftliche und kritische Ausgabe der Werke Stadens in Frühneuhochdeutsch und Russisch mit einer Einleitung und einem ausführlichen, einen Band einnehmenden Kommentar versehen und damit ausdrücklich für den wissenschaftlichen Gebrauch ausgewiesen.
Zwar merkt Choroškevič (S. 26, FN 53) an, dass es sich bei dem Buch Kämpfers um eine Arbeit des Professors mit seinen Studierenden handelt. Doch bezieht sie sich im folgenden in ihrer Einleitung auf dieses Buch.
S. 32, zitiert sie die Bemerkung (Staden 1998, S. 99), dass die Überschrift “Moscowiter Land und Regierung” nicht wirklich greift, weil Staden einen “Erfahrungsbericht über das Herrschaftssystem” schreibe. Wozu der Erfahrungsbericht jedoch diente und warum er trotzdem eine Überschrift enthält, die eine Beschreibung von Land und Regierung enthalten soll, hat bisher noch niemand erklärt und werde ich demnächst in einer Publikation erklären.
S. 33, als Beleg dafür, dass Staden die Quelle des Unrechts in Russland – Ivan IV. – verschweigt (Staden 1998, S. 102), was schlichtweg falsch ist, weil der Zar im Text als rechter Tyrann dargestellt wird, wie ich wiederum belegen kann.
Das Problem ab Choroškevičs Umgang mit dem populärwissenschaftlichen Buch über Heinrich von Staden ist, dass sie es zwar als populärwissenschaftlich benennt, es jedoch zitiert (Staden 1998) wie ein wissenschaftliches Werk und es außerdem wie gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis zitiert, was in beiden Fällen grenzwertig ist. Denn das Buch Staden 1998 liefert keine Beweise für seine Behauptungen, die Choroškevič durch ihre Zitierweise in einem Buch der Akademie der Wissenschaften als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse hinstellt. Was aber einmal so steht, ist schwer aus dem wissenschaftlichen Diskurs wieder heraus zu bekommen. Und deshalb der Ärger über die bibliographischen Angaben.
Zur Vollständigkeit hier die genaue bibli0graphische Angabe der Ausgabe der Akademie der Wissenschaften und als Zugabe die Einleitung von Choroškevič:
Štaden, Genrich: Zapiski o Moskovii, Tom pervyj: Publikacija, Moskva 2008
Štaden, Genrich: Zapiski o Moskovii, Tom vtoroj: Stat’i i kommentarii, Moskva 2009
Choroškevič, Anna L.: Vstuplenie, in: Štaden, Genrich: Zapiski o Moskovii, Tom pervyj: Publikacija, Moskva 2008, S. 8-60
Ein Buch über Heinrich von Staden
Zunächst ist zu Frank Kämpfers Buch über Heinrich von Staden zu sagen, dass es sich um ein populärwissenschaftliches Buch handelt. (Die bibliographische Angabe findet sich im letzten Beitrag.)
Hierfür spricht nicht nur das reich bebilderte Format, sondern auch die Tatsache, dass häufig auf die Stadt Ahlen verwiesen wird. Die Volksbank Ahlen hat den Buchdruck außerdem mitfinanziert. Das Buch enthält eine Einleitung über Heinrich von Staden unter der Überschrift “Abenteuerer, Diplomat, Schriftsteller”, sodann die Selbstbiographie im Originaltext und in neuhochdeutscher Übersetzung, dann eine Zusammenfassung seiner Texte “Moscowiter Land und Regierung” und “Anschlag”. Ein folgender Apparat enthält eine Sprachprobe der Sprache des 16. Jahrhunderts, das Verzeichnis der Quellen und der Literatur, das Abbildungsverzeichnis und ein Register.
Die reiche Bebilderung des Textes wurde verschiedenen Russlandbüchern entnommen, was in der jeweiligen ausführlichen Bildunterschrift auch meistens angegeben wird. Außerdem wird in den meisten Fällen auch eine zeitliche Einordnung der Bilder vorgenommen, so dass die Leserin weiß, welche Bilder erst im 17. Jahrhundert entstanden sind.
Das Buch sieht aus wie eine Liebhaberausgabe und ist mit viel Aufwand gedruckt. Es macht außerdem den Eindruck, als sei es aus einem Staden-Jubiläum in Ahlen oder aus der Arbeit in einem universitären Seminar heraus entstanden. Erstere Annahme begründet sich im Impetus des gesamten Textes auf der Person Heinrichs von Staden “aus Ahlen” und der Herausgabe vor allem der Autobiographie. Letztere Annahme gründet sich aus den vielen Mit-Autoren des Textes sowie aus der Tatsache, dass hier ein Text aus dem Frühneuhochdeutschen ins Hochdeutsche übertragen worden ist. Dies erleichtert auch Studierenden die Annäherung an ältere Texte, während wir in wissenschaftlichen Arbeiten natürlich immer aus der kritischen Ausgabe, 1961 in 2. Auflage erschienen, zitieren – und ständig die kuriose Rechtschreibung überprüfen müssen.
So gesehen, ist gegen die Existenz dieses Buches gar nichts einzuwenden. Warum es trotzdem ein Ärgernis für meine Arbeit darstellt, folgt im nächsten Beitrag.
Was sich alles hinter einer bibliographischen Angabe verbirgt
Im Dezember berichtete ich hier von der Suche nach einem Buch von Frank Kämpfer über Heinrich von Staden, das ich als Literaturangabe in der russischen Ausgabe der Werke Heinrichs von Staden gefunden habe. Dieses Buch habe ich nun gelesen, und folgendes ist dazu zu sagen.
Zunächst würde die vollständige bibliographische Angabe folgendermaßen lauten:
Staden, Heinrich von (aus Ahlen): Von Westfalen nach Moskau. Mein Dienst in der Schreckenstruppe des Zaren Iwan, in modernes Deutsch übertragen, eingeleitet und erklärt von Peter Alberts, Katharina Goedecke, Erich Hecker, Frank Kämpfer, Julia Maas, Vera Niehus, Gabriele Nolle, Stephanie Schneider, Tobias Wolters und Johann Friedrich Zimmermann, Hamburg 1998
Bibliothekskataloge sparen sich die Namen aller Kollaborateure und nennen nur den ersten, hier Peter Alberts, der in der alphabetischen Anordnung ganz oben steht. Allerdings habe ich aus Gründen, die ein Bibliothekswissenschaftler vielleicht erklären könnte, Peter Alberts auch als Autor des Buches gefunden, und Heinrich von Staden aus Ahlen wurde weggelassen.
Anna Choroškevič, die das Buch in ihrer Einleitung zur russischen zweisprachigen Ausgabe zitiert, nahm statt des ersten Namens den Namen, den sie kannte, nämlich Frank Kämpfer, und setzte ihn inkorrekt als Herausgeber des Buches, bzw. Autor der Einleitung und der Erklärung ein. Dies ist jedoch nicht so.
Da im Buch nirgendwo ein Autorname unter einem erklärenden Text angegeben ist, müssen wir davon ausgehen, dass alle Kollaborateure Autoren der im Buch vorhandenen Texte sind, deshalb kein einzelner Autor angegeben werden kann. Dies zu den Schwierigkeiten, ein Buch in wissenschaftlichen Bibliothekskatalogen online zu finden
Hexerei Ost und West II
Valerie Kivelson und Jonathan Shaheen unterscheiden Hexerei in Ost und West mit Hilfe von Kategorien, die der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin aufgebracht hat.
Das relativ gut dokumentierte, alle Literatur seit dem 15. Jahrhundert z.B. im Malleus maleficarum dargestellte Hexen- und Zaubererwesen in Westeuropa ordnen Kivelson und Shaheen dem monologischen “semiotischen Totalitarismus” zu. Semiotischer Totalitarismus ist definiert als “die Annahme, dass alles eine Bedeutung in Verbindung zu einem einheitlichen Ganzen hat, eine Bedeutung, die man eruieren könnte, wenn man nur den Kode hätte.”
Diese Definition des semiotischen Totalitarismus, die auf die Bachtin-Interpretation durch Saul Morson und Caryl Emerson von 1990 zurück geht, erinnert an das System von Verschwörungstheorien, das Umberto Eco im Foucault’schen Pendel als den “großen Plan” ausbreitet. Nun habe ich endlich einen wissenschaftlichen Terminus dafür.
Die östliche Art der Hexerei, die mit alltäglichen Dingen und einfachen Zaubersprüchen agiert, nennen Kivelson und Shaheen übrigens “prosaisch”, in Bachtin’scher Terminologie wäre es “polyphon”. Damit meinen sie, dass die Hexerei in Russland bis zur petrinischen Ära keinem einheitlichen, übergreifenden ideologischen Erklärungsschema gehorcht. Stattdessen handelt es sich um eine diffuse, prosaische Ansammlung von Praktiken.
Dies alles und mehr lernt man, wenn man Kivelson und Shaheens Artikel ”Prosaic Witchcraft and Semiotic Totalitarianism. Muscovite Magic Reconsidered”, in: Slavic Review 70,1 (2011), S. 21-44, liest, wie ich es heute getan habe.
Hexerei Ost und West I
Hexerei war im 16. Jahrhundert in Westeuropa ein Delikt, das strafverfolgt wurde. Die 1532 eingeführte Constitutio Criminalis Carolina, die peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V. geht in ihrer etwas schwammig formulierten Definition der Hexerei in ARt. 21 als eines der Hauptverbrechen, die ein Mensch begehen konnte, auf die Bamberger Halsgerichtsordnung zurück. Der Verfasser letzterer hat sich wiederum bemüht, die Gerichtsordnung nahe an das römische Recht anzulehnen. So auch im Artikel über die Hexerei oder Zauberei, der auf den Codex Iustinianus (C. 9. 18, De maleficiis et mathematicis) zurück geht. Hierauf geht auch die Tatsache zurück, dass man im 16. Jahrhundert die Hexerei in die Nähe des Majestätsverbrechens rückte. (Näheres bei Michael Strömer im Artikel CCC des historicum.net; hier auch die weiterführende Literatur zu Strömers Buch.)
Wenn also die drei Hexen Macbeth zum Königsmord anstiften, hat dies seine Wurzeln nicht so sehr in Shakespeares Phantasie als im spätantiken Recht und seiner Rezeption im 16. Jahrhundert.
In Russland wurde Hexerei jedoch nicht in diesem Zusammenhang gesehen. Auffällig ist, dass Hexerei in Russland auf Alltagsgegenstände zurück griff, so z.B. auf Gras. Manchmal wurden Hexen angeklagt, mehrere verschiedene Sorten Gras zu besitzen. Diese Bemerkung Valerie Kivelsons hat auf dem diesjährigen ASEEES-Kongress durchaus für Lacher gesorgt.
Welch eine Spitzfindigkeit!
Bei der Bekehrung von Nichtchristen sind immer einmal neben der Predigt auch unorthodoxe Methoden angewandt worden. Schließlich geht es dabei darum, die zu Bekehrenden vom wahren Glauben zu überzeugen.
Eine wirklich eigenwillige Methode hat Heinrich von Staden in seinem Plan zur Eroberung des Moskoviter Reiches im 16. Jahrhundert vorgelegt. Nachdem das ganze Land eingenommen und der Großfürst mitsamt seinen Söhnen gefangengesetzt wird, soll man nicht nur diese zum Katholizismus bekehren, sondern auch ihre Untertanen. Und zwar folgendermaßen:
(Ich verdolmetsche aus dem Frühneuhochdeutschen): “Und es müssen an allen Orten, wo russische Kirchen sind, die aus Holz gebaut wurden, auch eine Stein- oder Holzkirche in unserer Bauweise gebaut werden. Dann werden unsere Kirchen stehen bleiben und die russischen Kirchen werden verfallen.”
Das zeigt natürlich klar die Überlegenheit des westlichen Christentums gegenüber dem östlichen!
Abenteuer mit bibliographischen Angaben
Seit Mai dieses Jahres arbeite ich an einem Vortrag und zwei Artikeln zu Heinrich von Staden. Da ich ein gründlicher Mensch bin, habe ich sämtliche Ausgaben der “Aufzeichnungen über den Moskauer Staat” Heinrich von Stadens eingesehen.
Alle Ausgaben? Nein – eine Ausgabe fehlte mir hartnäckig. Sie wird in der neuesten russisch-frühneuhochdeutschen Ausgabe von 2008 immer wieder im Vorwort von der von mir hochgeschätzten Anna Leonidovna Choroškevič erwähnt und immer wieder zitiert.
Choroškevič zitiert diese Ausgabe als “Staden 1998″ und merkt an, dass diese Ausgabe von Frank Kämpfer besorgt wurde. Leider hat die russische Ausgabe der Staden-Dokumente zwei Bände, und leider wurde meiner ansonsten hervorragenden Bibliothek bisher nur der erste Band mit dem russisch-frühneuhochdeutschen Text und der Einleitung geliefert. Kommentar und Bibliographie befinden sich – man ahnt es schon – im nicht vorhandenen zweiten Band.
Im Laufe meiner Suche nach dem Buch “Staden 1998″ habe ich im Sommer das Internet durchforstet, die Webseite von Frank Kämpfer gefunden und dann glücklicherweise, bevor ich zum Telefon griff, um ihn anzurufen, herausgefunden, dass Prof. Kämpfer im Herbst 2010 verstorben ist. Nur die Ausgabe Staden 1998 habe ich nicht gefunden.
Als ich im September auf einer Konferenz in Moskau von meiner Suche berichtete, erwähnte Aleksej Martynjuk, dass ich beide Staden-Bände im Kiosk des Akademieverlages in der Akademie der Wissenschaften erwerben könnte. Da ich den ersten Band aus der Bibliothek schon hatte, kaufte ich den zweiten Band mit dem Hintergedanken, diesen nach getaner Arbeit der Bibliothek zu schenken. So kommt sie zur vollständigen Ausgabe.
Der zweite Band der Staden-Dokumente, erschienen in Moskau 2009, enthält nun die Bibliographie der in Bd. 1-2 benutzten Werke. Doch auch hier wurde ich kaum fündig, bis ich bemerkte, dass die Bibliographie nicht nur in russische und ausländische Werke aufgeteilt ist, sondern dass sie erst Publikationen, dann Zeitschriften und Hilfsmittel und schließlich Forschungen jeweils zunächst die russischen, dann die lateinisch geschriebenen Angaben nach dem Alphabet enthält. Die Angabe zu “Staden 1998″ steht auf S. 370 von 476.
Wer nun glaubt, dass die Suche zu Ende war, irrt. Das Buch “Heinrich von Staden aus Ahlen. Von Westfalen nach Moskau: mein Dienst in der Schreckenstruppe des Zaren Iwan / Hrsg. von Fr. Kämpfer u.a. Münster, Hamburg, 1998″ ist trotzdem in keinem Bibliothekskatalog zu finden. Die Suche nach “Heinrich Staden Ahlen” führt auf die Wikipedia-Seite zu Heinrich von Staden.
Hier wiederum findet sich eine ähnliche Literaturangabe, sogar mit ISBN-Nummer: “Peter Alberts: Von Westfalen nach Moskau. Mein Dienst in der Schreckenstruppe des Zaren Iwan. Heinrich von Staden. Hamburg 1998, ISBN 3-932208-05-6″ Die ISBN-Nummer beweist, dass das Buch existiert haben muss oder noch existiert. Trotzdem schweigen die Bibliothekskataloge, wenn ich nach “Peter Alberts” oder “Von Westfalen nach Moskau” suche. Auch Google liefert nur wieder den Wikipedia-Artikel.
Nun versuche ich eine erneute Suche über die Online-Fernleihe nach “Westfalen Moskau”, und siehe da: Unter Punkt 6 erhalte ich einen Treffer. Das Buch ist in 19 Bibliotheken, auch in meiner Fernleihregion, vorhanden.
Das Buch ist nun bestellt. Da es sich um ein populärwissenschaftliches Buch handelt, wird es bestimmt spannend zu lesen sein. Ob es gerechtfertigt ist, dass Choroškevič so häufig daraus zitiert, und ob es sich gelohnt hat, dass ich ein halbes Jahr lang nach diesem Buch gesucht habe, wird hier berichtet werden, wenn ich das Buch gelesen habe.