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Die Basilius-Kathedrale

Die Fußball-WM inspiriert alle möglichen Süßigkeitenhersteller zu eSondereditionen.

Ein Schnapspralinenhersteller hat das auch getan.

Hier findet sich nicht nur der Erlöser-Turm in der Kreml‘-Mauer wieder, sondern auch die auf dem Roten Platz stehende Basiliuskathedrale. Diese Kathedrale mit ihren bunten Zwiebeltürmen ist zum Sinnbild Russlands in der Imagination nicht nur der Deutschen geworden.IMG_20180519_1516095

Dabei ist sie auch in Russland ein einzigartiges Gebäude mit ihren neun Kapellen, von denen sich acht um eine Hauptkapelle gruppieren und durch einen Rundgang zu erreichen sind.

Gebaut wurde die Kirche nach dem Sieg über das Zartum Kazan‘ im Jahr 1552. Und sie ist nicht nur das inspirierteste Stück Architektur dieser frühen Regierungszeit des Zaren Ivan IV., sondern auch das modernste. Aus roten Ziegeln gemauert, sind im Inneren viele kleine Säulen an den Wänden damit beschäftigt, den Druck der verschiedenfarbigen Dächer abzufangen.

Nach dem Bau der Basiliuskathedrale wurden die Ziegelbauer nach Rostov geschickt, um im dortigen Kreml‘ auch so zu bauen. Und danach kehrte man zu einem eher konservativen Baustil zurück.

Was man im 16. Jahrhundert nicht geahnt hat, ist der Wiedererkennungswert dieser Kirche, die wie keine andere für Russland steht.

 

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Deutsche Russlandimagologie

Die Fußball-WM steht an. Man merkt es an den Ständen mit Fußball-Devotionalien im Supermarkt. In diesem Jahr findet die WM in der Russischen Föderation statt. Deshalb fällt mein Auge immer wieder auf rote Gebäude auf seltsamen Verpackungen.

Und wie es das Marketing will, sind es immer rote Gebäude, die für die Deutschen einen hohen Wiedererkennungswert haben. Seltsam ist es aber schon, dass es immer ähnliche Gebäude sind, die von den Deutschen als „russisch“ eingestuft werden.

Auf der Umverpackung der Fußballer-Aufkleber ist es zum Beispiel der Spasskij-Turm am Kreml‘.IMG_20180519_1516491

Man sieht stilisierte Zwiebeltürme und eine rote Mauer, die der Kreml‘-Mauer in Moskau nachempfunden ist.  Der Spasskij-Turm, zu Deutsch Erlöser-Turm bildet die Haupteinfahrt in den Kreml‘.

Wer hier durchkommt, fährt nicht nur unter einer Kirche im Turm her, sondern landet sofort an den wichtigsten Gebäuden des Kreml‘. Links stehen die Regierungsgebäude. Rechts das große Kreml‘-Theater, dann folgt schon der Patriarchenpalast mit seinem Durchgang auf den Kathedralplatz.

Zusätzlich sind auf der Packung noch andere „russische“ Bilder zu sehen. Aus der Volkskunst wurde der Drache übernommen, und auch die Matreška darf nicht fehlen. Dabei ist die „Puppe in der Puppe“ eine japanische Erfindung, die im 19. Jahrhundert in die russische „Volkskunst“ übernommen wurde.

Wie sich hier zeigt, hat die Imagologie, die Vorstellungskraft der heutigen Menschen, keine historische Tiefe. Was die Historikerin sich schütteln lässt, ist für andere einfach nur ein Zeichen dafür, dass die Fußball-WM in Russland statt findet.

Liebgewonnene Geschichte

Manchmal ist es hilfreich, aus einem anderen Blickwinkel auf eine Sache zu sehen. Gerade als Historiker haben wir uns auf unseren Blickwinkel eingerichtet und schleppen so manch liebgewonnenes Deutungsmuster mit uns herum.

Auch in Bezug auf den Krimkrieg 1854 ist das so. Studierende der osteuropäischen Geschichte lernen hier häufig, dass Russland als Aggressor fungierte. Und dass der Auslöser für den Krieg die Frage war, wer die Schlüssel für die Grabeskirche in Jerusalem aufbewahren durfte. Viele Oberhäupter der in Jerusalem vertretenen christlichen Konfessionen kamen hierzu in Frage. Der russische Zar wollte dass der Orthodoxe Patriarch die Schlüssel verwahren durfte. Als das nicht ging, brach der Krimkrieg aus.

Der Krimkrieg als Folge von Schlüsselverlegungen. Das merkt man sich fürs Leben.

Um so erfrischender die Erkenntnis aus einem Buch über Russland und Persien. Die Krim liegt und lag einfach auf dem Handelsweg zwischen Persien und Russland und ermöglichte den Russen seit der Annexion im 18. Jahrhundert einen leichteren Zugang zu den persischen Märkten.

Dies wollten weder Briten noch Franzosen, die ihr Handelsmonopol für persische Güter schwinden sahen. Und da liegt ein Einfall auf die Krim natürlich nahe.

Genutzt hat die ganze Sache irgendwie nichts. Die Russen verloren zwar den Krimkrieg aber nicht die Krim. Und wie das mit den Handelsbeziehungen zwischen Russland und Persien ist und war, sollte man endlich einmal eingehender erforschen.

Loyalität und Eid

Auf einer Konferenz zu Macht und Herrschaft in Russland im September 2017 ging die Diskussion plötzlich stark auf Eide ein. Wer fordert einen Eid ein und wer leistet ihn? Wieviel Loyalität verlangt ein Eid ab? Wie lange konnte man ihn halten und was geschah beim Eidbruch?

Bezogen auf Macht und Herrschaft bedeutet die Frage nach dem Loyalitätseid jedoch auch: inwieweit ist der Herrscher durch den Eid gebunden, den ihm seine Untertanen leisten? Welche Spielräume hat er in dieser gegenseitigen Eidesleistung? Und wie stark ist seine Herrschaft durch die Loyalitätseide eingeschränkt und bestimmt?

In Altrussland waren diese Eide reziprok. Der Herrscher konnte einen Loyalitätseid verlangen und auch verlangen, dass er sein Leben lang eingehalten wurde. Zu bestimmten Zeiten konnte er eine Eideserneuerung fordern.

Er selbst war jedoch auch durch diesen Eid gebunden und konnte den Eidgeber nicht angreifen, solange dieser sich an die Eidesbedingungen hielt. Im Gegenteil, es war besser, wenn er ihn für das Selbstverständliche, seine Loyalität, noch zusätzlich belohnte.

Das Thema ist noch lange nicht zu Ende erforscht. Hier zeigt sich erst der Anfang für interessante Forschungen. Schließlich sollte man nicht vergessen, dass ein Eid zwar in einem performativen Akt vor Zeugen geleistet wird. In Altrussland aber zog man es vor, die Eidesleistung auch schriftlich zu quittieren. So konnte man Illoyalität zur Not anhand des im Archiv vorhandenen Dokumentes belegen.

Nur zwei Grad Unterschied

Der Klimawechsel ist in aller Munde, und meistens wird er für schlechtes oder gutes  Wetter extra verantwortlich gemacht. Wo ist die globale Erwärmung, wenn es im Sommer nur regnet oder im Winter friert? Globale Erwärmung hat tatsächlich wenig mit dem Wetter, wie es ist, zu tun, und mehr mit längerfristigen Gegebenheiten.

Sieht man sich historische Klimadaten und ihre Auswirkungen an, so wird dies deutlich. Tatsächlich sind die Auswirkungen von globaler Temperaturerniedrigung wie sie am Beginn des 16. Jahrhunderts mit der kleinen Eiszeit begann, lebensbedrohlich gewesen. Schon zwei Grad weniger über das Jahr verteilt konnten ausreichen, dass sich die Vegetationsperiode um zwei Wochen verkürzte.

Bei einer Vegetationsperiode von drei Monaten wie im Norden Russlands üblich konnten diese zwei Wochen den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Ernte ausmachen. Wenn man aber zu wenig erntete, weil man zu spät aussäen konnte oder zu früh die Ernte einbringen musste, bedeutete dies eine geringere Ernte.

Und während man das erste Jahr noch von Vorräten leben konnte, hatte man im nächsten Jahr zu wenig Saatgut. Hunger im Jahr zwei nach dem kalten Sommer war also vorprogrammiert.

Als Historikerin tendiert man dazu, Aufstände mit schlechter Herrschaft, aber nicht mit schlechtem Wetter oder gar schleichenden Klimaveränderungen in Verbindung zu bringen. Globalhistoriker brechen gerade mit dieser Ansicht.

Wer war’s?

Der wahrscheinlich nachhaltigste Beitrag zur Chronologie der russischen Geschichte wurde von Georg Friedrich Müller geleistet. Müller kam im 18. Jahrhundert relativ jung nach seinem Studium als Professor für Geschichte an die neu gegründete russische Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg.

Die nächsten Jahre verbrachte er in Sibirien und Kamtschatka, als Mitglied der Expedition der Akademie in diese Gegenden. Seine Aufzeichnungen wurden jahrhundertelang unter Verschluss gehalten, bis sie vor einigen Jahren im Ganzen publiziert wurden.

Als Müller zurück nach Westen kam, begann er, in Moskau das Archiv des Außenamtes zu sortieren. Und dies tat er als Kind seiner Zeit, indem er für jeden Herrscher eine Kiste anlegte – oder auch mehrere – und alle Urkunden und sonstigen Schriftstücke, die zu seiner Herrschaftszeit verfasst wurden, in die jeweilige Kiste legte. So meinte er, dass man alles schön beisammen hatte.

Hierbei zerstörte er leider die originale Ordnung der aufbewahrten Akten – und ging außerdem nicht sehr systematisch vor. So kamen alle Schriftstücke, die sich mit der Zeit Ivans IV. befassten, auch wenn sie im 17. Jahrhundert geschrieben worden waren, in die Kiste zu Ivan IV. und gingen damit in die Herrschaftschronologie ein.

Wahrscheinlich war es so, und wahrscheinlich arbeiten wir Historiker immer noch an dieser von Müller vorgegebenen Ordnung ab. Die Ordnung aufzubrechen ist aber schwer.

Christentum oder Religion

Was sich langweilig anhört, gewinnt, wenn man näher hinschaut, an Aktualität. Am Ende des 17. Jahrhunderts gab es in Moskovien einen Eucharistiestreit. Er fand zwar unter den höheren Geistlichen statt, hatte aber direkte Auswirkungen auf fast alle Gläubigen.

Im Wesentlichen ging es bei dem Streit darum, wann die Transsubstantiation, die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi im Laufe des Gottesdienstes statt fand: wenn der Priester die Einsetzungsworte „Dies ist mein Leib… etc.“ sprach? Oder wenn er den Heiligen Geist auf Brot und Wein herabflehte?

Silvestr Medvedev, Theologe und Hofpoet, vertrat die Auffassung, dass die Verwandlung bereits beim Aussprechen der Einsetzungworte statt fand. Hier kam den Gläubigen eine verstärkte Position zu, weil sie als Zeugen der Worte Teil am Transsubstantiationsgeschehen hatten.

Patriarch Ioakim vertrat die Auffassung, dass die Verwandlung erst statt fand, wenn der Priester den Heiligen Geist herabflehte. Dies stärkte die Position des Priesters gegenüber den Gläubigen im Transsubstantiationsgeschehen. Denn ohne seine Interzession fand es nicht statt.

Nun muss man wissen, dass Patriarch Ioakim, während dieser Streit aufkam, gerade eine Neustruktuierung der Kirchenhierarchie vornahm, die wesentlich striktiere hierarchische Einordnungen und eine wesentlich stärkere Position der Priester vorsah. Die zweite Position entsprang also seiner aktuellen Kirchenpolitik.

Die beiden Positionen sind nicht so alt, wie sie scheinen. Silvestr Medvedev vertrat eine Position, die den Gläubigen mehr Anteil an der Eucharistie gab, Patriarch Ioakim eine eher kirchenhierarchische. Man fühlt sich versetzt in das frühe 20. Jahrhundert, als Dietrich Bonhoeffer forderte, nicht so sehr das Rituelle in den Mittelpunkt kirchlicher Arbeit zu stellen, sondern den Menschen und die Handlung an und mit ihm.

Für Bonhoeffer war dies der Unterschied zwischen Religion, die eher das Institutionelle, Hierarchische, Rituelle und Liturgische beschreibt, und Christentum, in dem es darum geht, in der Nachfolge Jesu auf die Menschen zuzugehen. Diese Diskrepanz gibt es auch heute noch in christlichen Kirchengemeinden, die stark auf die Priester oder Pfarrer ausgerichtet sind.

Wenn man so will, vertrat Patriarch Ioakim im Eucharistiestreit die Position der Religion, während Silvestr Medvedev die des Christentums vertrat. Wer siegte, ist nicht so klar. Wir stellen uns natürlich auf die Seite des Christentums.

Größere Dummheiten

Auf einer Konferenz in St. Petersburg gab es Einführungsvorträge über den heutigen Stand des Studiums russischer Geschichte an den großen und bekannten Universitäten. Auch über das Geschichtsstudium an der Moskauer Staatlichen Universität (MGU) wurde berichtet.

Hier wurden aber auch Entwicklungen bedauert, die von der Universitätsleitung vorgegeben wurden. So wurden auch in der russischen Föderation Bachelor- und Masterstudiengänge eingeführt. Besonders die Einführung des Master-Abschlusses hielt der Vortragende nicht für sinnvoll.

Nun muss man wissen, dass in Russland seit sowjetischer Zeit die Promotionsphase geteilt ist. Man schreibt eigentlich zwei Doktorarbeiten, eine befördert die Studierenden zum Kandidaten (kandidatskaja dissertacija), die andere zum Doktor der Geschichtswissenschaft. Wer nun vorher noch einen Masterabschluss machen soll, hat vier große Arbeiten geschrieben, bevor er sich Doktor nennen darf.

Eine „noch größere Dummheit“ nannte der Vortragende aber die Vorgabe, dass Doktoranden vorgegeben wird, pro Semester einen wissenschaftlichen Aufsatz zu publizieren. Schwierig ist dies, weil man für richtig gute wissenschaftliche Aufsätze manchmal auch längere Zeit forschen muss. Dass dies nicht so einfach ist, war allen Zuhörenden klar.

Soweit zu diesen Vorträgen am ersten Tag der Konferenz, die erst richtig interessant wurden, als am letzten Tag eine Vortragende über den Zitierindex SCOPUS berichtete. Sie berichete von einer signifikanten Erhöhung der Zitation von russischen Aufsätzen in den letzten drei Jahren und schränkte die Freude darüber sofort ein.

Viele der Aufsätze erschienen in Zeitschriften, die kein ordentliches wissenschaftliches Niveau haben, in denen die Aufsätze nicht begutachtet werden oder die Publizierenden gleich für die Publikation Geld zahlten. 25% der zitierten Aufsätze wurden deshalb aus dem Index wieder herausgenommen.

Ein Schelm, der Arges dabei denkt. Welche armen Doktoranden werden wohl zu dieser Art der Veröffentlichung gegriffen haben, um die Vorgaben zu erfüllen?

Gräkophil oder gräkophob? – Egal, Hauptsache Griechen.

Nikos Chrissidis‘ Buch über die Akademie der Brüder Leichoudes in Moskau um 1680 bringt viele neue Einsichten. Sein Literaturabriss handelt in erster Linie von der Einordnung der Akademie durch die Forschung. Offensichtlich kam es dabei darauf an, bestimmte Einordnungen zu treffen.

So hat die Forschung bis ins 20. Jahrhundert hinein die Tätigkeit der Brüder betrachtet und versucht, sie in ein oppositionelles Schema einzuordnen. Je nachdem, ob die Quellen der Akademie positiv oder negativ gegenüber standen, ordnete sie die Produzenten dieser Quellen eine gräkophilen oder einer gräkophoben Strömung in der moskovitischen Oberschicht zu.

Dies lief dann schon einmal sehr schematisch ab. Wenn Zar Fedor ein Dekret erließ, dass griechische Händler an einem bestimmten Grenzort zu sammeln seien, galt er als gräkophob. Sein Vater und Vorgänger, Zar Aleksej, der griechische Lehrer und Geistliche nach Moskau einlud, galt dagegen als gräkophil.

Dabei war das Dekret Fedors eine Fortsetzung der gleichen Politik seines Vaters, der die griechischen Händler auch lieber unter staatlicher Aufsicht an einem bestimmten Ort wusste. So war wohl vor allem die Qualitätskontrolle der Waren gesichert und natürlich der Profit des Moskauer Staates.

Wie Chrissidis es darstellt, kommt es bei der Quellenanalyse nicht so sehr darauf an, ob ihre Autoren gräkophil oder gräkophob waren. Viel interessanter ist es, dass viele Griechen im 17. Jahrhundert in Moskoviern waren. Und noch interessanter ist es herauszufinden, was genau sie antrieb, in der Steppe ihr Einkommen zu suchen.

Es wird hier also noch einige neue Erkenntnisse über die Griechen in Moskau geben.

Nichts Neues hier – oder doch?

David Goldfrank hielt wieder einmal einen Vortrag über Iosif Volockij. Diesmal ging es um Iosifs Verteidigung der Ikonenverehrung.

Iosif hat in seinem Hauptwerk gegen die Novgoroder Häretiker, dem Prosvetitel‘ oder „Erleuchter“ die Verehrung von Ikonen verteidigt. Er tat dies in drei von 15 Slova oder „Worten“, heute würden wir sagen: Kapiteln, seines Buches. Er tat dies auch in seiner gewohnt didaktischen Art. Seine Verteidigung ist außerdem so, dass er viel im Voraus entschuldigt. Schließlich bezieht er sich auf die alten Verteidigungsstrategien der Kirchenväter und macht deutlich, dass die Verehrung der Ikone auf das himmlische Urbild über geht.

Nichts Neues hier, will man meinen. Außer dass Goldfrank uns die Quellen Iosifs von Paulus über Gregor von Nazianz bis zu Nikon vom Schwarzen Berg vor führt. Und das zeigt einmal mehr, wie belesen dieser polemische, alte Mönch war. Und wie gut er seine Belesenheit für seine Argumentation einsetzte. Die Quellen Iosifs zeigen besser als jedes westliche mittelalterliche Quadrivium und Trivium, wie gebildet ein Mönch in der Rus‘ im 15. Jahrhundert sein konnte.