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Majestätsverbrechen

20. Februar 2013

Pavel Sedovs Beschreibung der Verwaltung des Moskauer Zartums macht eines klar: sie war durch die unterschiedlichsten verwandtschaftlichen, bürokratischen und persönlichen Verflechtungen gekennzeichnet. Gleichzeitig wahrte man, wie auch im 16. Jahrhundert, den Schein, der Zar entscheide alles selbst.

Dass dies nicht der Fall war, war auch den Untertanen des Zaren klar. Sie versuchten auf unterschiedlichste Weisen, ihre Eingaben so weit durch die Verwaltung zu bekommen, dass sie trotz Verwaltungsapparat vom Zaren persönlich entschieden wurden. Oder aber, dass sie überhaupt bearbeitet wurden.

Das  Mittel, das viele Moskoviter anwandten, um ihre Eingaben direkt vom Zaren lesen zu lassen und damit eine Entscheidung zu ihren Gunsten zu beschleunigen, zeigt zweierlei. Zum einen ein großes Vertrauen darin, dass der Zar – als Christusgleich dargestellt – gerecht und zu Gunsten der Bittsteller entscheidet. Zum anderen ein Misstrauen gegenüber der Bürokratie, in der zu viele Briefe und Bittschriften nach Ansicht der Bittsteller versickerten, ohne bearbeitet zu werden.

Ein sehr probates Mittel, damit die Bittschrift gelesen wurde, war eine Beleidigung einzubauen. Dies ging ziemlich einfach dadurch, dass man den Titel des Zaren nicht ausschrieb. Eine solche Nachlässigkeit galt als Majestätsbeleidigung, bzw. als Majestätsverbrechen und wurde sofort verfolgt. Im Zusammenhang mit der Verfolgung konnten die „Verbrecher“ auch ihr Anliegen an höchster Stelle noch einmal vorbringen.

Was wir heute als unnötiges Risiko ansehen würden, war für Moskoviter die Möglichkeit, direkt mit dem Zaren zu interagieren und ihr Recht, bzw. ihren Vorteil von ihm zu bekommen, ohne sich durch die von den verschiedensten sozialen Netzen durchdrungene Verwaltung durchkämpfen zu müssen.

Inwieweit das Urteil der Zeitgenossen, die Verwaltung arbeite nicht für sie, berechtigt ist, muss sich herausstellen. Das Mittel des Majestätsverbrechens jedoch funktionierte auf jeden Fall.

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2 Kommentare
  1. „Eine solche Nachlässigkeit galt als Majestätsbeleidigung, bzw. als Majestätsverbrechen und wurde sofort verfolgt. Im Zusammenhang mit der Verfolgung konnten die “Verbrecher” auch ihr Anliegen an höchster Stelle noch einmal vorbringen.“

    Und wie wurde Majestätsbeleidigung im Normalfall bestraft? Mit dem Tode? Stockhiebe? Vermögensverlust?
    Bewährung wird es ja kaum gegeben haben…

    Lohnte es sich denn überhaupt, das eigene Anliegen vorzubringen…?

    Mit freundlichen Grüßen

    „stuecke“

  2. Der Zar ist gerecht und gütig. Und zur Not kann man ein Pseudonym verwenden, z.B. Kurbskiij oder Ivan.

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