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Ivan IV. und seine Frau Anastasija

2. September 2014

Auf Wunsch einer einzelnen Kommentatorin kommt hier nun erst einmal der Beitrag zu Anastasija.

Mangels Ego-Dokumenten können wir die Frage nach der Persönlichkeit einer historischen Person schlecht beantworten. Die Frage nach Anastasijas Charakter führt zu der Frage, was Ivan und Anastasija für eine Ehe führten. Hierzu gibt es tatsächlich einen Forschungsstand.

Ivan und Anastasija gingen eine arrangierte Ehe ein. Die Ehefrau wurde von den Bojaren sorgsam ausgesucht. Da ihre männlichen Angehörigen Beförderung und Hofämter erwarteten, musste man dafür sorgen, dass das Machtgleichgewicht zwischen den Bojarenfamilien nach der Eheschließung nicht zu sehr gestört wurde. Dies war im Falle Anastasijas gegeben.

Arrangierte Ehen waren im 16. Jahrhundert in ganz Europa üblich. Die Eheleute erwarteten nicht wirklich, in inniger Liebe miteinander zu leben. Sie arrangierten sich in diese Ehen und kamen ihren Pflichten nach.

Wie Russell Martin gezeigt hat, war die wichtigste Aufgabe des Zarenpaares, männliche Erben zu zeugen. Durch die Heiratspolitik von Ivans Vorgängern war die regierende Dynastie in der Mitte des 16. Jahrhunderts auf drei männlich Erben beschränkt. Dieses Defizit sollte behoben werden.

Insofern war die Ehe zwischen Ivan und Anastasija erfolgreich. Anastasija brachte drei Söhne zur Welt, und ein Schelm denke Arges dabei, dass die Töchter alle in frühem Kindesalter starben. Sie wurden im Neuen Jungfrauenkloster beigesetzt. Zwei der drei Söhne erreichten das Mannesalter. Dass sie keine Nachkommen zeugen konnten, kann weder Ivan noch Anastasija angelastet werden. (Nein, Ivan hat seinen Sohn nicht selbst getötet.)

Einige Historiker glauben wie Veselovskij, dass Ivan Anastasija durch viele Schwangerschaften und Pilgerreisen ausgelaugt und in einen frühen Tod getrieben hat. Hier muss man jedoch wissen, dass Ivan dies nicht zu seinem Vergnügen, sondern zur Erhaltung der Dynastie tat. Auch die Pilgerreisen Ivans und Anastasijas hatten so viel mit dem Erhalt der Dynastie (sie baten um Kinder oder ließen sie taufen) zu tun wie mit staatlicher Repräsentation (sie baten in Klöstern Gott, das Moskauer Reich zu erhalten).

Historiker der Opričnina glauben, dass Ivan Anastasija sehr geliebt hat. Dies ist jedoch eine Projektion heutiger Ansprüche an eine Ehe auf die Ehe im 16. Jahrhundert. Aufgrund hoher und früher Sterberaten von Frauen im Kindbett und Kindern in den ersten Lebensjahren hielt man sich im 16. Jahrhundert im Allgemeinen mit Emotionen sehr zurück. Auch eine arrangierte Ehe wird nicht die gr0ße Liebe hervorgebracht haben. Als Anastasija im Sterben lag, ließ Ivan sie auf der Etappe zurück und reiste schon einmal nach Moskau ab. Dies zeugt nicht von großer Liebe, wie wir sie heute erwarten würden.

Nach Anastasijas Tod war es Ivan, der den Mythos von der „guten und gläubigen Zarin Anastasija“ aktiv mit aufbaute. Er nutzte ihn zur Stärkung seiner Macht.

War Anastasija gut? Der Forschungsstand sagt ja. Es gab keine größeren Skandale, während sie Zarin war. Sie erledigte ihre Aufgabe, Kinder für die Dynastie zu gebären, ebenso wie sie ihren Aufgaben als Zarin nach kam. Sie betete für das Reich und ging auf die üblichen Pilgerreisen. Sie erfüllte ihre Aufgaben als Zarin gründlich und ausführlich.

Nicht gut war Anastasija jedoch im heutigen Sinne. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass zwischen ihr und Ivan eine tiefe Zuneigung oder gar romantische Liebe geherrscht hat. Es gibt keine Quelle dafür, dass sie beschwichtigend auf ihn einwirkte. Es gibt keine Quelle dafür, dass Ivan während ihrer Ehe sexuell zügellos gewesen sein könnte. So konnte sie ihn auch nicht beruhigen. In diesem Sinne war Anastasija nicht gut.

Aber hier verlassen wir den Bereich der Historiographie und kommen in den der Geschichte der Geschichtsschreibung. In der Romantik wird man sich die Beziehung zwischen Ivan und Anastasija als von tiefer Liebe und Zuneigung geprägt vorgestellt haben und dementsprechend Geschichte geschrieben haben. Heutzutage, da Beziehungen fast ausschließlich auf Liebe aufgebaut sind und beendet werden, wenn die Liebe schwindet oder sich verändert, könnte man eine andere Geschichte über die Beziehung von Zar und Zarin schreiben.

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2 Kommentare
  1. Sehr spannend.
    Führt auch zur Frage der Hagiographieschreibung … .
    Und da ich so wenig weiß, noch eine Frage (falls ich es nicht überlas): Wieviele Töchter hat A. denn zur Welt gebracht?

  2. Drei. Davon wurde keine älter als 2-3 Jahre.

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