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Wie man die Biografie eines Heiligen schreibt

23. April 2015

David B. Miller hat eine Studie zu St. Sergius von Radonezh und seinem Troica-Kloster vorgelegt. Diese Studie ist mit dem Buchpreis der Early Slavic Association 2013 ausgezeichnet worden, und es macht wirklich viel Freude, sie zu lesen.

Miller beginnt mit einer Biografie des Heiligen. Hier könnte man nun Bauchschmerzen bekommen, denn wie schreibt man eine Biografie eines Heiligen, wenn man nur Heiligenlegenden zur Verfügung hat? Schließlich sagt das Wort „Heiligenlegende“ schon, dass es sich um einen standardisierten Text zur Verehrung eines Menschen als Heiligem handelt.

Und auch wenn man die erste Legende nimmt, 20 Jahre nach Sergius‘ Tod von Epifanij Premudryj geschrieben: was hat Epifanij nach 20 Jahren noch vom wirklichen Sergius, den er wohl in seinen Anfangsjahren im Kloster getroffen hat, noch gewusst? Und was hat er als Genreerfordernis in seine Legende geschrieben? Diese Frage ist schwierig zu beantworten.

Miller analysiert die unterschiedlichen Versionen der Legenden und kommt zu dem Schluss, dass das Bild Sergius‘ von einem Mönchsheiligen zum nationalen Heiligen der Rus‘ in der Mitte des 15. Jahrhunderts aufkam. Pachomij der Serbe schrieb um diese Zeit eine Vita Sergius‘, in der er ihn aktiv in das politische Geschehen in der Rus‘ und v.a. bei der Schlacht auf dem Schnepfenfeld 1380 eingreifen lässt.

Im folgenden Jahrhundert konnte man dann analog Sergius bei der Schlacht um Kazan‘ eingreifen lassen. Ivan IV. brach sogar zuerst zum Troica-Kloster nach Radonezh auf, um sich den Segen Sergius‘ und der Klostergemeinschaft zu holen, und dann nach Kazan‘.

Dies alles, so Miller, sind Transformationen des Bildes des Heiligen Sergius, die lange nach seinem Tod und lange nach seiner Heiligsprechung zu Beginn des 15. Jahrhunderts erfolgten. Greift man nach der Analyse dieser nationalen und politischen Transformationen zurück auf Epifanijs ersten Text zur Heiligung Sergius‘, so findet man hier nichts davon. Im Gegenteil, Epifanij schreibt, dass Sergius ein guter und asketischer Mönch war. Auch die Leitung des Klosterlebens wird ihm gut gelungen sein. Und ein Vorbild war er als Abt für die Brüder allemal.

Den vielen Transformationen zu Grunde liegt also eher das Bild eines Mönchs, der andere mit seinem Vorbild zum klösterlichen Leben in der Einöde bewegte. Alles andere kam, wie Millers analyse ebenfalls vorbildlich zeigt, später.

Literatur:

Miller, David B.: Saint Sergius of Radonezh, His Trinity Monastery, and the Formation of the Russian Identity, DeKalb 2010.

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