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70 Seiten

9. September 2015

70, genauer gesagt 72 Seiten habe ich gelesen, um herauszufinden, dass sich hinter dem Buchtitel „The Slavic Letters of St. Jerome“ keine langweilige philologische Studie zu Übersetzungen der Briefe des Heiligen Hieronymus ins Slavische verbirgt. Danach ging das Glücksgefühl beim Lesen nicht mehr weg.

Die Autorin des Buches mit dem zweideutigen Titel schreibt über ein altes slavisches Alphabet, das glagolitische Alphabet, Glagolica genannt. Zwar war mir bewusst, dass man in der kroatischen Kirche bis heute mit Glagolica schreibt, doch wie dies zustande gekommen ist, war mir nicht klar. Aufgrund der Quellenlage gibt es keine Erklärung dafür, wie die Glagolica zu den kroatischen Mönchen kamen, doch sie entwickelten eine eigene glagolitische Schreibweise für ihre südslavische Sprache, die u.a. auch lateinische Buchstaben adaptierte.

Bis ins 13. Jahrhundert hinein existierte in Kroatien eine glagolitisch geschriebene slavische Form der lateinischen Messe und wurden Bücher übersetzt und kirchliche Schriften lateinisch adaptiert. Nach dem Laterankonzil 1215, das unter bestimmten Voraussetzungen kirchliche Texte in der Volkssprache erlaubte – also wesentlich früher schon als das II. Vatikanische Konzil im 20. Jh. -, fragte der Bischof von Senj beim Papst an, ob die Mönche auch weiterhin ihr slavisches Schrifttum und ihre slavische Liturgie praktizieren könnten. Ganz offensichtlich hatte er damit argumentiert, dass der Hl. Hieronymus die glagolitischen Buchstaben erfunden hatte. Der Papst sagte unter diesen Voraussetzungen gerne zu, und in weiterer päpstlicher Korrespondenz im 13. und 14. Jahrhundert liest man schließlich, dass die glagolitischen Buchstaben und die slavische Volkssprache auch deshalb erlaubt seien, weil der Hl. Hieronymus ein Slave gewesen sei.
Kurioserweise hielt sich diese Vorstellung im Mittelalter hartnäckig, obwohl die Kroaten erst zwei Jahrhunderte nach Hieronymus‘ Wirken in Dalmatien und Istrien ankamen.
Wie die Geschichte weiter geht, erzählt Julia Verkholantsev in ihrem Buch „The Slavic Letters of St. Jerome“, und es ist unterhaltsam und lehrreich zu lesen.

Literaturangabe:
Verkholantsev, Julia. The Slavic Letters of St. Jerome: The History of the Legend and Ist Legaca, or, How the Translator of the Vulgate Became an Apostle of the Slavs, Dekalb: Northern Illinois University Press 2014.

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