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Nichts übereilen

29. August 2016

Selbst wenn man Bücher nur aus Interesse liest, bezieht man das Gelesene irgendwie wieder auf sein Forschungsgebiet. So geschehen im Fall eines Buches über Unfruchtbarkeit in der Bibel.

Bei den Matriarchinnen in der Genesis war Unfruchtbarkeit, so die Autorinnen, nicht selbst durch Sünden verursacht. Vielmehr wird Unfruchtbarkeit als ein Zustand der Menschen angesehen, der von Vielfalt zeugt, jedoch nicht vom Zorn Gottes. Das wussten auch die Matriarchinnen selbst, die davon ausgingen, schwanger werden zu können, wenn Gott sich ihnen zuwandte. Gott ist in der Genesis derjenige, der für die Fruchtbarkeit und die Vermehrung des Volkes zuständig ist und sein Versprechen erfüllt.

Signifikant ist jedoch, dass die unfruchtbaren Matriarchinnen der Genesis alle, nachdem Gott sich ihnen zugewandt hat, besonders Söhne gebären: Isaak, Joseph, Samuel, Samson.

Dass sich das alte Russland als Nachfolger des Volkes Israel gerierte, ist in der Forschung schon lange bekannt. Aber dass dies auch bei der Fruchtbarkeit der Zarinnen eine Rolle spielte, zeigt sich erst jetzt.

Im 16. Jahrhundert schrieb man in der Stepennaja kniga, dem Stufenbuch, die Viten der russischen Großfürsten bis Zar Ivan IV. neu oder um. Eine wesentliche Rolle spielte die mirakulöse Empfängnis der Herrscher. Normalerweise ging der Empfängnis eine Zeit der Unfruchtbarkeit der Zarinnen voraus. Nach zahlreichen Pilgerfahrten, häufig zu den Reliquien des heiligen Sergij von Radonež, wurden die Zarinnen schwanger.

Die Schwangerschaft wurde göttlicher Intervention, bzw. der Interzession des heiligen Sergij zugeschrieben. Im Kontext der Genesis ist klar: die so empfangenen Kinder waren exzeptionelle Herrscher. Ihre Mütter gute Nachfolgerinnen der Matriarchinnen.

Der größte Fehler, den eine Zarin oder Großfürstin  in diesem Zusammenhang machen konnte, war wohl, 9 Monate nach der Hochzeit einen Sohn zu gebären. Dieser war dann weder exzeptionell noch durch ein Wunder empfangen. Eine Zeit der Unfruchtbarkeit dagegen zeigte die Ähnlichkeit der Herrschergattin mit den Matriarchinnen der Genesis und konnte deshalb als gut angesehen werden.

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