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Vorbilder und Feindbilder

9. November 2016

Einer der stärksten kulturellen Umbrüche fand in Russland am Ende des 17. Jahrhunderts unter Zar Peter I. statt. Nicht nur der Zar selbst, sondern auch die Eliten bildeten sich in Westeuropa und brachten diese Bildung zurück in das russische Imperium.

Bildung fand zu allererst auf der wissenschaftlichen Ebene statt. Handwerke wurden erlernt, Ingenieurwissenschaften, Mathematik und vor allen Dingen Kriegswissenschaften wurden studiert. Mit dem Flottenbau wurden Baumeister und Navigatoren gebraucht, grundlegende mathematische Kenntnisse wurden erforderlich. Sie wurden erworben und umgesetzt.

Ebenso wurde die westeuropäische Kriegswissenschaft gelesen und die russische Armee umgebaut. Auf kultureller Ebene machte sich der Umbruch darin bemerkbar, dass die Eliten westliche Kleidung trugen, westliche Baustile eingeführt und ein genereller westlicher Lebensstil gepflegt wurde. In diesem Zusammenhang sind auch die Einführung von Opernaufführungen und Maskenbälle im Zarenpalast zu sehen.

Mit Peter I. hatte Russland einen starken Zaren, der ohne Rücksicht auf Verletzungen den kulturellen Umbruch von oben verordnete. Am Ende des 18. Jahrhunderts konnten die Russen ihre „Verwestlichung“ als abgeschlossen ansehen und auf ein zwar gewaltsam eingeführtes jedoch erfolgreich durchgeführtes kulturelles Programm zurück blicken. Russland konnte sich am Westen messen und als westeuropäische Kriegsmacht auch die Allianz gegen Napoleon gewinnen. So weit so gut.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es jedoch auch Kriege gegen das Osmanische Reich. In diesem fand nach russischem Vorbild im 19. Jahrhundert genau die gleiche von oben verordnete Verwestlichung statt. Türkische Kleidung wurde zu Gunsten von westlicher Kleidung aufgegeben, westliche Lebenshaltung wurde eingeführt und vor allem das Militär entsprechend umstrukturiert.

Das große Vorbild Russland reagierte in den Memoiren von Offizieren entsetzt auf diese Veränderungen. Dies vor allem, weil der ganze Orientalismus des Osmanischen Reiches drohte zu verschwinden und man sich selbst im Feind erblicken konnte. Was für Russland auch rückblickend noch als gut angesehen wurde, wurde für das Osmanische Reich als verderblich angesehen. Es verlöre seine Eigenheiten, und außerdem funktioniere die osmanische Armee in europäischer Form gar nicht so gut. Das grundlegende Barbarische sei ja immer noch vorhanden.

So ändern sich Vorbilder und Feindbilder oder werden beibehalten, je nachdem wer welche Vorurteile pflegt.

Die russische Variante dieser Orientalisierung des Feindbildes findet sich gut organisiert in Victor Takis Buch über die russisch-osmanischen Kriegsbegegnungen im 18. Jahrhundert.

Literatur:

Taki, Victor: Tsar and Sultan. Russian Encounters with the Ottoman Empire, London – New York 2016

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