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Auf der genialen Seite

Personen, die sich mit Altrussland beschäftigen, sind von vornherein schon nicht normal. Sie sind überdurchschnittlich an ihrem Thema interessiert und lassen sich auch nicht durch schlechte Jobaussichten davon abhalten. Sie können viele alte Sprachen zumindest passiv, darunter solche wie Altkirchenslavisch und Altrussisch, und Latein können sie meistens auch. Nicht nur sprachlich, auch methodisch sind die Vertreterinnen und Vertreter dieses Faches eher auf der genialen Seite zu verorten.

Den Vogel abgeschossen hat jedoch letztlich Christian Raffensperger. Er gehört zu den Personen, die „Portraits of Medieval Russia“ schreiben. Das sind Porträts mittelalterlicher handelnder Personen, die als Essay, Brief, Tagebucheintrag oder andererseits geschrieben werden. Sie sollen in einem Sammelband zusammengefasst werden und in den USA in der Lehre benutzt werden.

Menschen, die nicht mit der Lehre in den USA vertraut sind, sehen diese Porträts eher skeptisch. Warum sollte man die Biographie wieder in die historische Lehre einbauen, wenn wir doch gerade von der History of Great White Men wegwollen? So war ich sehr skeptisch, als auf der letzten ASEEES-Tagung einige dieser Porträts vorgeführt wurden.

Die Skepsis blieb, bis Christian Raffensperger seinen Beitrag vorlas. Hier, so dachte ich, scheint der richtige Ton getroffen zu sein und der Brief der Tochter Jaroslavs des Weisen, Eupraxia, könnte tatsächlich so geklungen haben.

Kein Wunder. In der Diskussion stellte sich heraus, dass Christian den Brief auf Kirchenslavisch geschrieben und dann ins Englische übersetzt hat. Ein Genie unter uns komischen Geistern ist er damit allemal.

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Wie bleibt jemand tot?

In der Zeit der Wirren (1598-1613) gab es in Moskovien das Phänomen der Prätendenten. Nachdem im Jahr 1601 zunächst in Polen ein Prätendent aufgetaucht war, der sich als der 1591 gestorbene letzte Sohn Ivans des Schrecklichen Dmitrij ausgab, tauchten immer weitere auf.

Ein Dmitrij (I.) wurde 1505 sogar noch zum Zaren gekrönt, 1506 jedoch ermordet. Obwohl man seine Leiche drei Tage lang öffentlich ausstellte, um zu zeigen, dass er wirklich tot ist, hielt sich das Gerücht, er sei es gar nicht.

In der Folgezeit „erstanden“ zwei weitere Dmitrijs auf, außerdem gab es mehrere Prätendenten unter den Kosaken im Süden der Rus‘, die nicht unbedingt immer Dmitrij heißen mussten.

Zar Vasilij griff nun zu einem ungewöhnlichen Mittel, um zu zeigen, dass Dmitrij wirklich tot war. Er ließ das Grab des Zarevič in Uglič öffnen und die Gebeine herausnehmen. Dieser Prozess der Elevation der Gebeine und eine Inspektion derselben ist notwendig für einen Heiligsprechungsprozess.

Wundersamerweise wurden genau zu diesem Zeitpunkt die ersten Menschen in Uglič durch Fürsprache Dmitrijs geheilt. Nach der Überführung der Gebeine nach Moskau in die Erzengelkirche im Kreml‘ und der Heiligsprechung Dmitrijs gingen die Wunderheilungen weiter.

Der Kunstgriff war von Vasilij gut ausgedacht. Um zu zeigen, dass Dmitrij wirklich tot war, ließ er ihn heiligsprechen. Denn ein Heiliger ist definitiv tot und kommt nur zur Fürbitte in das menschliche Reich, nicht um noch einmal Zar zu werden. Eigentlich war die Heiligsprechung also gar keine schlechte Idee.

Nur schade, dass man es übertrieb. Nach dem Begräbnis der Reliquien Dmitrijs im Kreml‘ fanden ständig neue Heilungswunder statt. Als allerdings ein Mann, der eigentlich nur von Blindheit geheilt werden sollte, am Sarg Dmitrijs an einem Herzinfarkt starb, hörte man mit den Heilungswundern schnell wieder auf.

Genützt hat der Heiligsprechungsprozess nichts. Weitere Prätendenten tauchten immer wieder bis ins 19. Jahrhundert hinein auf. Wirklich tot blieb Dmitrij durch die Heiligsprechung also auch nicht.

Komische Parallelen

Manche Dinge in der Osteuropageschichte bleiben ein Rätsel. So zum Beispiel das Igor’lied., die im 18. Jahrhundert gefundene epische Erzählung von der Heerfahrt Igor’s, die gerne auf das frühe Mittelalter datiert wird.

Die Linguisten sagen, dass das Igor’lied nur slavisches Gut enthält, so dass wir davon ausgehen können, dass es eine slavische Schöpfung ist. Auch wenn einige Wörter heute unbekannt sind, kann man nicht sagen, dass das Igor’lied eine Fälschung ist.

Literaturwissenschaftler sind skeptisch, weil sie sonst keine altrussischen epischen Heldenlieder kennen. Also war das Genre eventuell in Altrussland gar nicht bekannt und jemand hat im 18. Jahrhundert etwas dazugedichtet.

Kulturwissenschaftler ordnen das Igor’lied gerne in Fälschungsgeschichten sowohl im Mittelalter als auch in der Neuzeit ein. Das Igor’lied als Beweis eines epischen Heldengenres in Altrussland diente dazu, die Literaturgeschichte Russlands an die des Westens anzugleichen.

Mari Isoaho aus Helsinki hat auf der letztjährigen ASEEES-Tagung eine neue Parallele aufgetan. Sie findet starke Parallelen in der Struktur und im Ablauf des Heereszugs Igor’s wie er im Igor’lied erzählt wird ausgerechnet in einer Kreuzfahrererzählung aus dem 14. Jahrhundert. Die Parallelen waren augenfällig und überzeugend.

Was immer dies auch alles bedeutet. Klar ist: in der Osteuropageschichte bleibt es spannend und nicht alle Rätsel können als gelöst gelten.

Zwei Geschichten

Elena Boeck zeigt uns in ihrem Buch über den Gebrauch byzantinischer Geschichtsschreiber durch Roger II. von Sizilien und Ivan Alexander von Bulgarien, dass byzantinische Geschichte von beiden in gegensätzlicher Weise gebraucht wird.

Als Kunsthistorikerin analysiert sie die Illustrationen der von beiden Herrschern bestellten Büchern über byzantinische Geschichtsschreibung.

Im Skylitzes-Manuskript, das für Roger II. von Sizilien hergestellt wurde, herrschen Bilder vor, die den grausamen Tod byzantinischer Herrscher abbilden. Hier wird geköpft, geblendet und von hinten erstochen. Die Illustrationen zeigen eine Geschichte, die eher eine Abfolge von Grausamkeiten denn glorreich ist. Byzanz ist hier kein Vorbild, sondern abschreckend, ein Reich, das man nicht wirklich imitieren sollte.

Im Manasses-Manuskript, das für Ivan Alexander von Bulgarien erstellt wurde, sieht die byzantinische Geschichte anders aus. Dies liegt nicht nur daran, dass Manasses eine andere Geschichtskonzeption hat und die Weltgeschichte als eine Abfolge von Reichen von der Erschaffung der Welt an darstellt.

Ivan Alexanders Buch enthält emblematische Herrscherdarstellungen, deren jede für ein großes, aber untergegangenes Reich steht. Größer aber als alle Herrscher dieser untergegangenen Reiche wird Ivan Alexander als bulgarischer Zar dargestellt, ja selbst größer als Christus. Die Botschaft ist unmissverständlich: Ivan Alexander und das bulgarische Zartum im 14. Jahrhundert sind das letzte Reich der Weltgeschichte, in dem die vorhergegangenen Reiche kulminieren. Byzanz dagegen ist schon untergegangen.

Beide geschichtlichen Deutungen werden im Wesentlichen durch die Illustrationen vorgenommen. Wie man an der Geschichte der Herstellung der Handschriften sehen kann, sind diese von einer Person konzeptionell vorbereitet worden. Geschichte wird durch Illustrationen kommentiert, nicht umgekehrt.

Einer hatte das Heft in der Hand

Neue Erkenntnisse darüber, wie im Mittelalter Bücher hergestellt werden wurden, liefert Elena Boeck in ihrer Studie zum Gebrauch byzantinischer Geschichtsschreibung bei Roger II. von Sizilien und Ivan Alexander von Bulgarien.

Vordergründig geht es in ihrer Studie darum, wie die beiden Herrscher in ihren illustrierten Chroniken Geschichte benutzen. Bei der Beschreibung der Handschriften mach Boeck jedoch auch darauf aufmerksam, wie diese entstanden sind:

Beide benutzen einen byzantinischen, bereits vorgegebenen Text. Diesen nimmt sich jemand vor, der das Gesamtkonzept des neuen, illustrierten Buches im Kopf hat. Er wählt aus, welche Teile des vorgegebenen Textes illustriert werden sollen. Die Teile des Textes werden im Original-Kodex, von dem abgeschrieben werden soll, mit Wachstropfen markiert.

Bei der Herstellung des neuen Buches werden mit dem Lineal auf dem Pergament Linien gezogen, die den Rand und den Bereich für den Text markieren. Gleichzeitig lässt der Konzipierende Flächen frei, in denen Illustrationen eingefügt werden sollen. Er bestimmt so, welche Teile des Textes illustriert werden sollen.

Anhand der zur Illustration gewählten Textstellen greift der Konzipierende aktiv in den Rezeptionsprozess ein, denn die Illustrationen heben bestimmte Stellen der Geschichte hervor und lassen sie so stärker ins Auge und damit ins Gewicht fallen. Der Konzipierende ist also derjenige, der die neue Bedeutung des Buches mit beeinflusst, er hat im wahrsten Sinne des Wortes das Heft in der Hand, bevor Schreiber und Illustratoren sein Konzept ausführen.

Interessant ist hier zunächst, wie Bücher im Mittelalter gemacht wurden: Markierungen mit Lineal und Wachstropfen in Büchern haben eine besondere Aussage und zeugen von der Konzeption neuer Bücher. Dies ist ein Argument dafür, nicht nur mit Faksimile-Ausgaben oder Scans zu arbeiten, sondern ins Archiv zu reisen und sich das Originalmanuskript zeigen zu lassen. Digitalisierungen führen in diesem Fall zu keinem Ergebnis.

Literatur:

Boeck, Elena: Imagining the Byzantine Past. The Perception of History in the Illustrated Manuscripts of Skylitzes and Manasses, Cambridge 2015

Schlangengift – brrrr!

Thyriac galt in der Frühen Neuzeit als ein Heilmittel gegen Schlangenbisse. Zumindest gegen die einheimischen nordeuropäischen Schlangen. Hergestellt wurde es unter anderem aus Schlangenfleisch, manche behaupten, auch aus dem Gift der Schlangen.

Wurde man von einer Schlange gebissen, so sollte ein Schluck Thyriac gegen die Vergiftungserscheinungen helfen. Die Mischung, die uns heute grauslich erscheint, stand im Einklang mit der mittelalterlichen Gesundheitslehre.

Ähnliches sollte mit Ähnlichem bekämpft werden. Leider gibt es keine Statistiken, in wieviel Fällen Thyriac tatsächlich half. Seine Popularität scheint jedoch dafür zu sprechen, dass nicht alle Patienten starben.

Dies und ähnliches gab es von den frühneuzeitlichen Pharmakologinnen auf der letzen ASEEES-Tagung zu hören.

Geschichte mit Happy End

Auf der ASEEES-Konferenz gab es einen Vortrag über Robben. Er zeigte  eine frühe Art des Tierschutzes für die Robben auf einer der Beringstraßen-Inseln: im 19. Jahrhundert ging man dazu über, die Population sich gezielt erholen zu lassen und nicht mehr alle Robben sofort zu töten.

Nachdem die Vortragende am Beginn ihres Vortrages viele Statistiken zitiert hatte, die eine fast völlige Ausrottung des Robbenbestandes belegten, war sein Ende beruhigend. Die Robbenpopulation konnte sich erholen und wurde fortan geschützt.

Es zeigt sich hier ein seltenes Verhalten von Umwelt- und Tierschutz im 19. Jahrhundert. Hatten wir doch im Wesentlichen die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts für den Umweltschutz verantwortlich gemacht.

Gleichzeitig ist es angenehm und beruhigend, dass Geschichtsschreibung hier einmal zu einem guten Ende gekommen ist. Einem Happy End für die Robben.

Non-Nationalgerichte

Konferenzen bilden immer, denn man lernt mehr, als man sich vorher ausgerechnet hat. Die diesjährige ASEEES-Konferenz in Philadelphia war dabei keine Ausnahme. So war in einer Sektion über Biographien auch noch zu erfahren, woher das polnische Nationalgericht Bigos stammt.

Bigos ist ein Eintopf aus Wurst und Fleisch mit Kohl und Sauerkraut. Gerne wird er mit Tomatenmark, Beeren und Kräutern verfeinert. Er wird langsam gegart, auf Vorrat gekocht und mehrfach wieder aufgewärmt. Dies führt dazu, dass Wurst und Fleisch ihr Aroma an den Kohl abgeben. Mit Brot und Kartoffeln ist Bigos ein äußerst schmackhaftes Gericht.

Bereits im 15. Jahrhundert wurde Bigos als polnisches Gericht erwähnt. Was neu ist: wahrscheinlich ist es gar nicht von einem Polen erfunden worden, sondern von einem Litauer. Wladyslaw Jagiello soll im 14. Jahrhundert seine Jagdgäste mit einem Kohleintopf, in dem Teile des erlegten Wildes mitschmorten, verköstigt haben.

Mit Wladyslaws Annahme der polnischen Königskrone migrierte auch das Kohlgericht und wurde zum polnischen Nationalgericht.

Wissenschaft, die Wissen schafft!

Keine Akkordeons

Im letzten Beitrag stellte sich die Frage, was die Menschen in Altrussland nicht auf Hochzeiten spielen sollten. Die englische Übersetzung sagte „Akkordeons“. Musikliebhaber wissen jedoch, dass Akkordeons nicht vor dem 19. Jahrhundert erfunden wurden.

Das eigentliche Instrument sind „Gusli“, ein Saiteninstrument, das in Russland seit dem 12. oder 13. Jahrhundert existiert und das im 18. und 19. Jahrhundert modifiziert wurde. Es wurde dann in der volkstümlichen Musik eingesetzt. Man zupft die Gusli mit den Fingern, der Klang ist wahrscheinlich für das heutige Ohr gewöhnungsbedürftig.

Wir lernen hier, dass man sich nicht auf anderer Leute Übersetzungen verlassen sollte, sondern alles, aber auch alles nachprüfen muss. Zwar haben Historiker das schon im Studium gelernt, aber manchmal ist es gut, von Gusli daran erinnert zu werden.

Akkordeons

Valerie Kivelson berichtet in ihrer Studie über Hexerei unter anderem auch, wie die Obrigkeit in der Moskoviter Rus‘ versuchte, gute Ordnung wieder herzustellen. Hierzu wurden im wesentlichen Verbote erlasen, z.B. das Verbot, schlüpfrige Lieder zu singen oder Akkordeons auf Hochzeiten zu spielen.

Akkordeons? Wurden die nicht erst im 19. Jahrhundert entwickelt? Das legt zumindest auch der Wikipedia-Artikel nahe. Was steht da wohl im altrussischen Original? Das werde ich wohl demnächst die Autorin persönlich fragen müssen.

Literatur:

Kivelson, Valerie: Desperate Magic. The Moral Economy of Witchcraft in Seventeenth-Century Russia, Ithaca, NY, 2013