Skip to content

Bildbeschreibungen

Was man sich immer wieder fragt, wenn man russische Ikonen sieht, ist, ob die Menschen die Bilder erkannt haben. Einige Ikonensujets sind sehr speziell. Sie unterscheiden sich sehr von der üblichen Frontbild-Ikone, auf der ein Heiliger in halber oder ganzer Ansicht zu sehen ist. Dieser Heilige hat auch seinen Namen neben sich geschrieben, so dass man ihn erkennen kann.

Wesentlich spezieller sind da schon die Novgoroder Ikonen, die der Weisheit gewidmet sind, wie z.B. das Beitragsbild hier. Generationen von Wissenschaftlern haben diese Ikone interpretiert und immer diffizilere Dinge herausgefunden. Die Ikone sagt viel über die Auffassung von Staat in der alten Rus‘ aus.

Doch woher kann man wissen, dass die Ikone auch so, mit all ihren Einzelheiten, verstanden wurde? Agnes Kriza hat auf der diesjährigen ASEEES-Tagung hierzu vorgetragen. Sie hat mehrere Texte gefunden, die Beschreibungen der Ikone sind. Wie sie anhand der Schwarz- und Rotfärbung im Originalmanuskript herausgefunden hat, handelt es sich um Fragen und Antworten.

Die Frage besteht jeweils aus einem kurzen Wort, dessen Anfangsbuchstabe mit Rot geschrieben ist. Die Antwort ist länger, hat aber auch den Anfangsbuchstaben Rot geschrieben. Hier zeigt sich wieder, wie wichtig es ist, ins Manuskript zu schauen. Und wie wichtig unterschiedliche Schreibweise sein kann.

In sechs Manuskripten finden sich Beschreibungen der Novgoroder Sophien-Ikone. Sie zeigen alle kleinen Details auf, erklären sie und führen sie auf Schriftzitate zurück. Die Manuskripte beinhalten also eine detaillierte Bildbeschreibung, wenn man sie zu lesen weiß. Und die Wissenschaftler können sich beruhigt sagen, dass die Moskoviter auch im Mittelalter schon wussten, was sie nun mühsam heraus finden.

 

Advertisements

Vorbilder und Feindbilder

Einer der stärksten kulturellen Umbrüche fand in Russland am Ende des 17. Jahrhunderts unter Zar Peter I. statt. Nicht nur der Zar selbst, sondern auch die Eliten bildeten sich in Westeuropa und brachten diese Bildung zurück in das russische Imperium.

Bildung fand zu allererst auf der wissenschaftlichen Ebene statt. Handwerke wurden erlernt, Ingenieurwissenschaften, Mathematik und vor allen Dingen Kriegswissenschaften wurden studiert. Mit dem Flottenbau wurden Baumeister und Navigatoren gebraucht, grundlegende mathematische Kenntnisse wurden erforderlich. Sie wurden erworben und umgesetzt.

Ebenso wurde die westeuropäische Kriegswissenschaft gelesen und die russische Armee umgebaut. Auf kultureller Ebene machte sich der Umbruch darin bemerkbar, dass die Eliten westliche Kleidung trugen, westliche Baustile eingeführt und ein genereller westlicher Lebensstil gepflegt wurde. In diesem Zusammenhang sind auch die Einführung von Opernaufführungen und Maskenbälle im Zarenpalast zu sehen.

Mit Peter I. hatte Russland einen starken Zaren, der ohne Rücksicht auf Verletzungen den kulturellen Umbruch von oben verordnete. Am Ende des 18. Jahrhunderts konnten die Russen ihre „Verwestlichung“ als abgeschlossen ansehen und auf ein zwar gewaltsam eingeführtes jedoch erfolgreich durchgeführtes kulturelles Programm zurück blicken. Russland konnte sich am Westen messen und als westeuropäische Kriegsmacht auch die Allianz gegen Napoleon gewinnen. So weit so gut.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es jedoch auch Kriege gegen das Osmanische Reich. In diesem fand nach russischem Vorbild im 19. Jahrhundert genau die gleiche von oben verordnete Verwestlichung statt. Türkische Kleidung wurde zu Gunsten von westlicher Kleidung aufgegeben, westliche Lebenshaltung wurde eingeführt und vor allem das Militär entsprechend umstrukturiert.

Das große Vorbild Russland reagierte in den Memoiren von Offizieren entsetzt auf diese Veränderungen. Dies vor allem, weil der ganze Orientalismus des Osmanischen Reiches drohte zu verschwinden und man sich selbst im Feind erblicken konnte. Was für Russland auch rückblickend noch als gut angesehen wurde, wurde für das Osmanische Reich als verderblich angesehen. Es verlöre seine Eigenheiten, und außerdem funktioniere die osmanische Armee in europäischer Form gar nicht so gut. Das grundlegende Barbarische sei ja immer noch vorhanden.

So ändern sich Vorbilder und Feindbilder oder werden beibehalten, je nachdem wer welche Vorurteile pflegt.

Die russische Variante dieser Orientalisierung des Feindbildes findet sich gut organisiert in Victor Takis Buch über die russisch-osmanischen Kriegsbegegnungen im 18. Jahrhundert.

Literatur:

Taki, Victor: Tsar and Sultan. Russian Encounters with the Ottoman Empire, London – New York 2016

Flüchtlinge und ihre Heimat

Im alten Russland hatten es Flüchtlinge sehr schwer. Viele Moskoviter wurden im 17. Jahrhundert in Kriegen und bei Überfällen von Türken oder Tataren gefangen genommen. Sie landeten auf den Sklavenmärkten des Mittelmeeres und wurden im Osmanischen Reich verkauft. Dort lebten sie unter unterschiedlichen Herren und mussten mal hart, mal weniger hart arbeiten.

Die meisten Sklaven wurden von den Türken nicht gezwungen, das Christentum aufzugeben und Muslime zu werden. Für Manche ergab sich jedoch durch den Übertritt zum Islam die Möglichkeit, sozial und finanziell aufzusteigen. Dies war natürlich durchaus ein Anreiz, in einer stark durch fremde Sitten und Gebräuche geprägten Gesellschaft heimisch zu werden und auch eine fremde Religion mit fremden Gebräuchen anzunehmen.

Häufig aber blieben die Sklaven Christen und versuchten sogar, die orthodoxen Bräuche wie das Fasten am Mittwoch und Freitag und den Besuch des orthodoxen Gottesdienstes einzuhalten.

Und manche der Sklaven wurden von der Regierung des Zaren freigekauft oder flohen nach 10 oder 20 Jahren im Osmanischen Reich und kehrten nach Moskovien zurück. Hier stellten sie fest, dass sie vom Regen in die Traufe kamen.

Sie wurden nach Moskau gebracht und der Verwaltung des Patriarchen vorgestellt, die wiederum eindringliche Interviews führt. Im Wesentlichen ging es darum, ob die ehemaligen Sklaven und jetzigen Flüchtlinge in irgendeiner Weise vom orthodoxen Glauben abgelassen hatten. Hierbei wurden sie sogleich unter den Generalverdacht der Apostasie gestellt. Niemand in der patriarchalen Verwaltung konnte sich vorstellen, dass man so lange Zeit im Osmanischen Reich leben konnte, ohne dass man die Orthodoxie verließ.

Die Flüchtlinge versuchten nun auf unterschiedliche Weise ihr Schicksal zu schildern und ihre Handlungen zu rechtfertigen oder aber ihren etwaigen Übertritt zum Islam kleinzureden. Die hier entstandenen Narrative sind deshalb interessant zu lesen.

Glaubte man ihnen in Moskau, wurden sie für eine Zeit der Buße in ein Kloster überstellt und durften danach wieder arbeiten. In schwereren Fällen der Apostasie wurden die Rückkehrer kurzerhand neu getauft.

Das Leben zurückgekehrter Flüchtlinge in Moskovien war also ebenso hart wie ihr Leben als Sklaven, Zwänge wurden ständig ausgeübt.

Es wäre interessant einmal zu schauen, wie viele Flüchtlinge unter solchen Voraussetzungen tatsächlich zurückkehrten und wie viele Sklaven im Osmanischen Reich verblieben und es multiethnischer machten als wir uns heute klar machen.

Nichts übereilen

Selbst wenn man Bücher nur aus Interesse liest, bezieht man das Gelesene irgendwie wieder auf sein Forschungsgebiet. So geschehen im Fall eines Buches über Unfruchtbarkeit in der Bibel.

Bei den Matriarchinnen in der Genesis war Unfruchtbarkeit, so die Autorinnen, nicht selbst durch Sünden verursacht. Vielmehr wird Unfruchtbarkeit als ein Zustand der Menschen angesehen, der von Vielfalt zeugt, jedoch nicht vom Zorn Gottes. Das wussten auch die Matriarchinnen selbst, die davon ausgingen, schwanger werden zu können, wenn Gott sich ihnen zuwandte. Gott ist in der Genesis derjenige, der für die Fruchtbarkeit und die Vermehrung des Volkes zuständig ist und sein Versprechen erfüllt.

Signifikant ist jedoch, dass die unfruchtbaren Matriarchinnen der Genesis alle, nachdem Gott sich ihnen zugewandt hat, besonders Söhne gebären: Isaak, Joseph, Samuel, Samson.

Dass sich das alte Russland als Nachfolger des Volkes Israel gerierte, ist in der Forschung schon lange bekannt. Aber dass dies auch bei der Fruchtbarkeit der Zarinnen eine Rolle spielte, zeigt sich erst jetzt.

Im 16. Jahrhundert schrieb man in der Stepennaja kniga, dem Stufenbuch, die Viten der russischen Großfürsten bis Zar Ivan IV. neu oder um. Eine wesentliche Rolle spielte die mirakulöse Empfängnis der Herrscher. Normalerweise ging der Empfängnis eine Zeit der Unfruchtbarkeit der Zarinnen voraus. Nach zahlreichen Pilgerfahrten, häufig zu den Reliquien des heiligen Sergij von Radonež, wurden die Zarinnen schwanger.

Die Schwangerschaft wurde göttlicher Intervention, bzw. der Interzession des heiligen Sergij zugeschrieben. Im Kontext der Genesis ist klar: die so empfangenen Kinder waren exzeptionelle Herrscher. Ihre Mütter gute Nachfolgerinnen der Matriarchinnen.

Der größte Fehler, den eine Zarin oder Großfürstin  in diesem Zusammenhang machen konnte, war wohl, 9 Monate nach der Hochzeit einen Sohn zu gebären. Dieser war dann weder exzeptionell noch durch ein Wunder empfangen. Eine Zeit der Unfruchtbarkeit dagegen zeigte die Ähnlichkeit der Herrschergattin mit den Matriarchinnen der Genesis und konnte deshalb als gut angesehen werden.

Metaphorische Geschichtsschreibung

Wer über Geschichte schreibt, kann, aber muss sich nicht, Gedanken darüber machen, wie er Geschichte darstellt. Häufig schreibt er einfach nach dem chronologischen Prinzip, in der Hoffnung, dass Geschichte irgendwie teleologisch verläuft.

Und ebenso häufig werden alte Modelle der Geschichtsschreibung übernommen. Sei es, dass sie griffig sind, sei es, dass sie so gut im Gedächtnis geblieben sind.

Im Falle der Geschichtschreibung über Russland im Mittelalter scheint es sowohl Griffigkeit als auch das Im-Gedächtnis-Bleiben zu geben. Zumindest werden einige metaphorisch schön umschriebene Begriffe einfach übernommen und weiterverwendet. Hierzu gehören:

Die Abschüttelung des Mongolenjochs

Wenn es doch so einfach gewesen wäre. Stattdessen ging es nicht darum, etwas abzuschütteln. Vielmehr haben die Russen über Jahrhunderte immer wieder die Höhe ihrer Tributzahlungen an die Mongolen neu verhandelt. Und immer weniger gezahlt. Als sie mit den Zahlungen dann einfach aufhörten und die Mongolen sich nicht mehr dagegen wehrten, war das „Joch“ „abgeschüttelt“.

Die feudale Zersplitterung

Hierzu müsste man erst einmal definieren, was unter „feudal“ verstanden wird. Das ist nicht einmal für die westeuropäischen Herrschaften so recht klar. Und je länger man sich mit Feudalität beschäftigt, desto schwieriger wird der Begriff zu fassen. Auch zersplittert war die Kiever Rus‘ eigentlich nicht, weil neben gemeinsamer Religion und Sprache klar war, dass man eine gemeinsame Geschichte hatte. Analog hierzu wird dann gern der Ausdruck der

Sammlung der russischen Lande

gebraucht. Hierfür steht die Vereinigung der „zersplitterten feudalen Herrschaften“ unter der Vorherrschaft des Moskauer Großfürsten im 15. Jahrhundert. Allerdings hier nicht unter feudalem Vorzeichen, sondern einfach nur so.

Wenn man sich diese metaphorische Geschichtsschreibung ansieht, fragt man sich schon, wie man neue Methoden und Fragestellungen anwenden soll, wenn man ständig die alten, metaphorischen Hüte mit berücksichtigen muss.

 

Auf der genialen Seite

Personen, die sich mit Altrussland beschäftigen, sind von vornherein schon nicht normal. Sie sind überdurchschnittlich an ihrem Thema interessiert und lassen sich auch nicht durch schlechte Jobaussichten davon abhalten. Sie können viele alte Sprachen zumindest passiv, darunter solche wie Altkirchenslavisch und Altrussisch, und Latein können sie meistens auch. Nicht nur sprachlich, auch methodisch sind die Vertreterinnen und Vertreter dieses Faches eher auf der genialen Seite zu verorten.

Den Vogel abgeschossen hat jedoch letztlich Christian Raffensperger. Er gehört zu den Personen, die „Portraits of Medieval Russia“ schreiben. Das sind Porträts mittelalterlicher handelnder Personen, die als Essay, Brief, Tagebucheintrag oder andererseits geschrieben werden. Sie sollen in einem Sammelband zusammengefasst werden und in den USA in der Lehre benutzt werden.

Menschen, die nicht mit der Lehre in den USA vertraut sind, sehen diese Porträts eher skeptisch. Warum sollte man die Biographie wieder in die historische Lehre einbauen, wenn wir doch gerade von der History of Great White Men wegwollen? So war ich sehr skeptisch, als auf der letzten ASEEES-Tagung einige dieser Porträts vorgeführt wurden.

Die Skepsis blieb, bis Christian Raffensperger seinen Beitrag vorlas. Hier, so dachte ich, scheint der richtige Ton getroffen zu sein und der Brief der Tochter Jaroslavs des Weisen, Eupraxia, könnte tatsächlich so geklungen haben.

Kein Wunder. In der Diskussion stellte sich heraus, dass Christian den Brief auf Kirchenslavisch geschrieben und dann ins Englische übersetzt hat. Ein Genie unter uns komischen Geistern ist er damit allemal.

Wie bleibt jemand tot?

In der Zeit der Wirren (1598-1613) gab es in Moskovien das Phänomen der Prätendenten. Nachdem im Jahr 1601 zunächst in Polen ein Prätendent aufgetaucht war, der sich als der 1591 gestorbene letzte Sohn Ivans des Schrecklichen Dmitrij ausgab, tauchten immer weitere auf.

Ein Dmitrij (I.) wurde 1505 sogar noch zum Zaren gekrönt, 1506 jedoch ermordet. Obwohl man seine Leiche drei Tage lang öffentlich ausstellte, um zu zeigen, dass er wirklich tot ist, hielt sich das Gerücht, er sei es gar nicht.

In der Folgezeit „erstanden“ zwei weitere Dmitrijs auf, außerdem gab es mehrere Prätendenten unter den Kosaken im Süden der Rus‘, die nicht unbedingt immer Dmitrij heißen mussten.

Zar Vasilij griff nun zu einem ungewöhnlichen Mittel, um zu zeigen, dass Dmitrij wirklich tot war. Er ließ das Grab des Zarevič in Uglič öffnen und die Gebeine herausnehmen. Dieser Prozess der Elevation der Gebeine und eine Inspektion derselben ist notwendig für einen Heiligsprechungsprozess.

Wundersamerweise wurden genau zu diesem Zeitpunkt die ersten Menschen in Uglič durch Fürsprache Dmitrijs geheilt. Nach der Überführung der Gebeine nach Moskau in die Erzengelkirche im Kreml‘ und der Heiligsprechung Dmitrijs gingen die Wunderheilungen weiter.

Der Kunstgriff war von Vasilij gut ausgedacht. Um zu zeigen, dass Dmitrij wirklich tot war, ließ er ihn heiligsprechen. Denn ein Heiliger ist definitiv tot und kommt nur zur Fürbitte in das menschliche Reich, nicht um noch einmal Zar zu werden. Eigentlich war die Heiligsprechung also gar keine schlechte Idee.

Nur schade, dass man es übertrieb. Nach dem Begräbnis der Reliquien Dmitrijs im Kreml‘ fanden ständig neue Heilungswunder statt. Als allerdings ein Mann, der eigentlich nur von Blindheit geheilt werden sollte, am Sarg Dmitrijs an einem Herzinfarkt starb, hörte man mit den Heilungswundern schnell wieder auf.

Genützt hat der Heiligsprechungsprozess nichts. Weitere Prätendenten tauchten immer wieder bis ins 19. Jahrhundert hinein auf. Wirklich tot blieb Dmitrij durch die Heiligsprechung also auch nicht.

Komische Parallelen

Manche Dinge in der Osteuropageschichte bleiben ein Rätsel. So zum Beispiel das Igor’lied., die im 18. Jahrhundert gefundene epische Erzählung von der Heerfahrt Igor’s, die gerne auf das frühe Mittelalter datiert wird.

Die Linguisten sagen, dass das Igor’lied nur slavisches Gut enthält, so dass wir davon ausgehen können, dass es eine slavische Schöpfung ist. Auch wenn einige Wörter heute unbekannt sind, kann man nicht sagen, dass das Igor’lied eine Fälschung ist.

Literaturwissenschaftler sind skeptisch, weil sie sonst keine altrussischen epischen Heldenlieder kennen. Also war das Genre eventuell in Altrussland gar nicht bekannt und jemand hat im 18. Jahrhundert etwas dazugedichtet.

Kulturwissenschaftler ordnen das Igor’lied gerne in Fälschungsgeschichten sowohl im Mittelalter als auch in der Neuzeit ein. Das Igor’lied als Beweis eines epischen Heldengenres in Altrussland diente dazu, die Literaturgeschichte Russlands an die des Westens anzugleichen.

Mari Isoaho aus Helsinki hat auf der letztjährigen ASEEES-Tagung eine neue Parallele aufgetan. Sie findet starke Parallelen in der Struktur und im Ablauf des Heereszugs Igor’s wie er im Igor’lied erzählt wird ausgerechnet in einer Kreuzfahrererzählung aus dem 14. Jahrhundert. Die Parallelen waren augenfällig und überzeugend.

Was immer dies auch alles bedeutet. Klar ist: in der Osteuropageschichte bleibt es spannend und nicht alle Rätsel können als gelöst gelten.

Zwei Geschichten

Elena Boeck zeigt uns in ihrem Buch über den Gebrauch byzantinischer Geschichtsschreiber durch Roger II. von Sizilien und Ivan Alexander von Bulgarien, dass byzantinische Geschichte von beiden in gegensätzlicher Weise gebraucht wird.

Als Kunsthistorikerin analysiert sie die Illustrationen der von beiden Herrschern bestellten Büchern über byzantinische Geschichtsschreibung.

Im Skylitzes-Manuskript, das für Roger II. von Sizilien hergestellt wurde, herrschen Bilder vor, die den grausamen Tod byzantinischer Herrscher abbilden. Hier wird geköpft, geblendet und von hinten erstochen. Die Illustrationen zeigen eine Geschichte, die eher eine Abfolge von Grausamkeiten denn glorreich ist. Byzanz ist hier kein Vorbild, sondern abschreckend, ein Reich, das man nicht wirklich imitieren sollte.

Im Manasses-Manuskript, das für Ivan Alexander von Bulgarien erstellt wurde, sieht die byzantinische Geschichte anders aus. Dies liegt nicht nur daran, dass Manasses eine andere Geschichtskonzeption hat und die Weltgeschichte als eine Abfolge von Reichen von der Erschaffung der Welt an darstellt.

Ivan Alexanders Buch enthält emblematische Herrscherdarstellungen, deren jede für ein großes, aber untergegangenes Reich steht. Größer aber als alle Herrscher dieser untergegangenen Reiche wird Ivan Alexander als bulgarischer Zar dargestellt, ja selbst größer als Christus. Die Botschaft ist unmissverständlich: Ivan Alexander und das bulgarische Zartum im 14. Jahrhundert sind das letzte Reich der Weltgeschichte, in dem die vorhergegangenen Reiche kulminieren. Byzanz dagegen ist schon untergegangen.

Beide geschichtlichen Deutungen werden im Wesentlichen durch die Illustrationen vorgenommen. Wie man an der Geschichte der Herstellung der Handschriften sehen kann, sind diese von einer Person konzeptionell vorbereitet worden. Geschichte wird durch Illustrationen kommentiert, nicht umgekehrt.

Einer hatte das Heft in der Hand

Neue Erkenntnisse darüber, wie im Mittelalter Bücher hergestellt werden wurden, liefert Elena Boeck in ihrer Studie zum Gebrauch byzantinischer Geschichtsschreibung bei Roger II. von Sizilien und Ivan Alexander von Bulgarien.

Vordergründig geht es in ihrer Studie darum, wie die beiden Herrscher in ihren illustrierten Chroniken Geschichte benutzen. Bei der Beschreibung der Handschriften mach Boeck jedoch auch darauf aufmerksam, wie diese entstanden sind:

Beide benutzen einen byzantinischen, bereits vorgegebenen Text. Diesen nimmt sich jemand vor, der das Gesamtkonzept des neuen, illustrierten Buches im Kopf hat. Er wählt aus, welche Teile des vorgegebenen Textes illustriert werden sollen. Die Teile des Textes werden im Original-Kodex, von dem abgeschrieben werden soll, mit Wachstropfen markiert.

Bei der Herstellung des neuen Buches werden mit dem Lineal auf dem Pergament Linien gezogen, die den Rand und den Bereich für den Text markieren. Gleichzeitig lässt der Konzipierende Flächen frei, in denen Illustrationen eingefügt werden sollen. Er bestimmt so, welche Teile des Textes illustriert werden sollen.

Anhand der zur Illustration gewählten Textstellen greift der Konzipierende aktiv in den Rezeptionsprozess ein, denn die Illustrationen heben bestimmte Stellen der Geschichte hervor und lassen sie so stärker ins Auge und damit ins Gewicht fallen. Der Konzipierende ist also derjenige, der die neue Bedeutung des Buches mit beeinflusst, er hat im wahrsten Sinne des Wortes das Heft in der Hand, bevor Schreiber und Illustratoren sein Konzept ausführen.

Interessant ist hier zunächst, wie Bücher im Mittelalter gemacht wurden: Markierungen mit Lineal und Wachstropfen in Büchern haben eine besondere Aussage und zeugen von der Konzeption neuer Bücher. Dies ist ein Argument dafür, nicht nur mit Faksimile-Ausgaben oder Scans zu arbeiten, sondern ins Archiv zu reisen und sich das Originalmanuskript zeigen zu lassen. Digitalisierungen führen in diesem Fall zu keinem Ergebnis.

Literatur:

Boeck, Elena: Imagining the Byzantine Past. The Perception of History in the Illustrated Manuscripts of Skylitzes and Manasses, Cambridge 2015